Keine Hausübung?
"Is mir wurscht. Du lernst weniger."
Rauchen vor der Schule?
"Is mir wurscht. Nicht meine Lunge!"
Lärm in der Klasse?
"Is mir wurscht. Ich habe mein Abitur schon."
Die Wurschtigkeit in der Schule steigert sich spürbar. Ich suche zwei Dinge:
1. Die Gründe
2. Ein schönes Wort dafür
Kollegin F. wird mit etlichen Schulproblemen nicht mehr fertig und sucht auf Anraten der Direktion externe Hilfe, sie landet in der psychologischen Beratung.
"Bitte sag es nicht weiter," bettelt sie, "wie stehe ich sonst da."
"Ehrlich", sage ich," es wäre besser, die Probleme zuzugeben und nicht zu verstecken."
Ich respektiere ihren Wunsch (hier nicht) und frage neugierig nach, wie sie Fortschritte macht.
"Das oberste Gebot momentan ist zu lernen, wo meine eigenen, meine eigentlichen, Probleme liegen. Ich muss mich immer fragen: Ist das mein Problem oder ist das nicht mein Problem."
Bumm, da bin ich am Anfang der Story:
Keine Hausübung, Rauchen, Lärm - nicht mein Problem.
Burnout, Depression, Überforderung lösen wir durch Wurschtigkeit?!
Ich sehe bei vielen KollegInnen, wie sie aufgeben: "Mir Wurscht". Hausübung, Rauchen, Lärm. Sie haben es probiert, sie sind gescheitert. Immer wieder. Irgendwann ist Schluss.
Erfolglosigkeit endet in Wurschtigkeit. Wurschtigkeit in Erfolglosigkeit.
"Mir Wurscht", höre ich nicht nur bei meinen KollegInnen und bei meinen SchülerInnen, es ist zur gängigen Fluchtreaktion bei kollektiver (postmoderner?) Rat- und Hilflosigkeit geworden.
Da leert jemand seinen Automüll auf die Straße. "Mir Wurscht"
Da schmieren Kinder die Wände an. "Mir Wurscht"
Da schmeißen Jugendliche Parkbänke um. "Mir Wurscht"
Ha, endlich habe ich eine schönes Wort für Wurschtigkeit gefunden: Toleranz.
Kennt Ihr ein besseres?
"Is mir wurscht. Du lernst weniger."
Rauchen vor der Schule?
"Is mir wurscht. Nicht meine Lunge!"
Lärm in der Klasse?
"Is mir wurscht. Ich habe mein Abitur schon."
Die Wurschtigkeit in der Schule steigert sich spürbar. Ich suche zwei Dinge:
1. Die Gründe
2. Ein schönes Wort dafür
Kollegin F. wird mit etlichen Schulproblemen nicht mehr fertig und sucht auf Anraten der Direktion externe Hilfe, sie landet in der psychologischen Beratung.
"Bitte sag es nicht weiter," bettelt sie, "wie stehe ich sonst da."
"Ehrlich", sage ich," es wäre besser, die Probleme zuzugeben und nicht zu verstecken."
Ich respektiere ihren Wunsch (hier nicht) und frage neugierig nach, wie sie Fortschritte macht.
"Das oberste Gebot momentan ist zu lernen, wo meine eigenen, meine eigentlichen, Probleme liegen. Ich muss mich immer fragen: Ist das mein Problem oder ist das nicht mein Problem."
Bumm, da bin ich am Anfang der Story:
Keine Hausübung, Rauchen, Lärm - nicht mein Problem.
Burnout, Depression, Überforderung lösen wir durch Wurschtigkeit?!
Ich sehe bei vielen KollegInnen, wie sie aufgeben: "Mir Wurscht". Hausübung, Rauchen, Lärm. Sie haben es probiert, sie sind gescheitert. Immer wieder. Irgendwann ist Schluss.
Erfolglosigkeit endet in Wurschtigkeit. Wurschtigkeit in Erfolglosigkeit.
"Mir Wurscht", höre ich nicht nur bei meinen KollegInnen und bei meinen SchülerInnen, es ist zur gängigen Fluchtreaktion bei kollektiver (postmoderner?) Rat- und Hilflosigkeit geworden.
Da leert jemand seinen Automüll auf die Straße. "Mir Wurscht"
Da schmieren Kinder die Wände an. "Mir Wurscht"
Da schmeißen Jugendliche Parkbänke um. "Mir Wurscht"
Ha, endlich habe ich eine schönes Wort für Wurschtigkeit gefunden: Toleranz.
Kennt Ihr ein besseres?
teacher - am Dienstag, 5. April 2011, 08:40
Sowas ist lustig.
Stellen Sie sich vor, sie waren dabei, hören aber eine ganz neue Geschichte. Solche Erfahrungen macht man manchmal mit der Zeitung. Sie haben den Vorfall gesehen, die Polizei gerufen, die Zeugenaussage abgeben ... und lesen dann in der Zeitung - was völlig anderes: Der Peugeot ist ein VW, die Lenkerin ein Lenker, der Verletzte unverletzt.
Sowas ist auch in der Wissenschaft gang und gäbe. Zumindest in der Pädagogik und Didaktik. Ich sitze im Hörsaal und ein begabter Didaktiker trägt sein Konzept vor. Er belegt seine Aussagen mit praktischen Erfahrungen, die MEINE Klasse geliefert hat:
"Wie selbständig die waren!"
(Das war intensiv vorbereitet)
"Wie engagiert sie waren!"
(Zumindest drei von zwanzig)
"Wie gut die mit der Technik umgehen können!"
(Ein Computerfreak war dabei)
"Der Projektbericht hat große Anerkennung gefunden!"
(Er wurde extern überarbeitet)
"So kann guter Unterricht funktionieren!"
(Wenn drei Forscher dem Lehrer in seiner besten Klasse helfen)
Ehrlich, das Projekt war gut. Wir hatten ein paar interessante Tage. Aber daraus wissenschaftlich eine Bestätigung für ein neues Unterrichtsszenario abzuleiten, das ist unseriös. Bloß wer möchte eingestehen, dass ein neuer Lernansatz unbrauchbar elitär ist? Wo liest man von innovativen Lehrmethoden, die schief gelaufen sind?
Nur Altes geht schief. Komisch. So als wäre es nie neu gewesen.
Stellen Sie sich vor, sie waren dabei, hören aber eine ganz neue Geschichte. Solche Erfahrungen macht man manchmal mit der Zeitung. Sie haben den Vorfall gesehen, die Polizei gerufen, die Zeugenaussage abgeben ... und lesen dann in der Zeitung - was völlig anderes: Der Peugeot ist ein VW, die Lenkerin ein Lenker, der Verletzte unverletzt.
Sowas ist auch in der Wissenschaft gang und gäbe. Zumindest in der Pädagogik und Didaktik. Ich sitze im Hörsaal und ein begabter Didaktiker trägt sein Konzept vor. Er belegt seine Aussagen mit praktischen Erfahrungen, die MEINE Klasse geliefert hat:
"Wie selbständig die waren!"
(Das war intensiv vorbereitet)
"Wie engagiert sie waren!"
(Zumindest drei von zwanzig)
"Wie gut die mit der Technik umgehen können!"
(Ein Computerfreak war dabei)
"Der Projektbericht hat große Anerkennung gefunden!"
(Er wurde extern überarbeitet)
"So kann guter Unterricht funktionieren!"
(Wenn drei Forscher dem Lehrer in seiner besten Klasse helfen)
Ehrlich, das Projekt war gut. Wir hatten ein paar interessante Tage. Aber daraus wissenschaftlich eine Bestätigung für ein neues Unterrichtsszenario abzuleiten, das ist unseriös. Bloß wer möchte eingestehen, dass ein neuer Lernansatz unbrauchbar elitär ist? Wo liest man von innovativen Lehrmethoden, die schief gelaufen sind?
Nur Altes geht schief. Komisch. So als wäre es nie neu gewesen.
teacher - am Sonntag, 3. April 2011, 13:45
Vielleicht bin ich übersensibel, aber wenn mich jemand fragt: "Warum bloggst Du anonym?", dann höre ich gleich den Vorwurf mitschwingen, zu feig zu sein, für meine forschen Worte mit meinem Namen gerade zu stehen.
Nein. So feig bin ich nicht.
Beim letzten Interview für eine "Presse"-Reportage über bloggende Lehrer habe ich versucht, diesen leisen Vorwurf zu entkräften: Es geht mir primär um den Schutz meiner Umgebung. Ich habe nicht das Recht, meine SchülerInnen und meine KollegInnen an die Öffentlichkeit zu zerren.
"Was würden Sie tun, wenn Ihr Name bekannt wird?", setzt die Journalistin nach.
Ich zögere und erzähle, dass ich bereits hunderte Postings offline gestellt habe, als ich vermuten musste, dass mir Kollegen auf die Spur gekommen wären.
"Ich würde sofort aufhören!"
Ich könnte nicht mehr frei niederschreiben, was mich ärgert und was mich beschäftigt. Ich müsste ständig hunderte Interessen abwägen - was mich als Lehrer schon überfordert, will ich nicht als Blogger fortführen.
Das Gegenteil reizt mich: Ein frecher Lehrer, ohne Maulkorb.
Die umgekehrte Frage lautet: "Willst Du nicht stolz deine Werke herzeigen? Zum Lesen weitergeben? Deinen Erfolg auskosten."
"Gut", sage ich, "Eine Spur Eitelkeit kennt jeder, oder?" Und dann erzähle ich vom dahin schlummernden Projekt, die Highlights der letzten Jahre zu einem Buch zu verdichten.
Noch bin ich zu faul dazu. Frech, sicher nicht zu feig.
Ist es eitel, wenn man seine Meinung verbreiten und lesen will?
Nein. So feig bin ich nicht.
Beim letzten Interview für eine "Presse"-Reportage über bloggende Lehrer habe ich versucht, diesen leisen Vorwurf zu entkräften: Es geht mir primär um den Schutz meiner Umgebung. Ich habe nicht das Recht, meine SchülerInnen und meine KollegInnen an die Öffentlichkeit zu zerren.
"Was würden Sie tun, wenn Ihr Name bekannt wird?", setzt die Journalistin nach.
Ich zögere und erzähle, dass ich bereits hunderte Postings offline gestellt habe, als ich vermuten musste, dass mir Kollegen auf die Spur gekommen wären.
"Ich würde sofort aufhören!"
Ich könnte nicht mehr frei niederschreiben, was mich ärgert und was mich beschäftigt. Ich müsste ständig hunderte Interessen abwägen - was mich als Lehrer schon überfordert, will ich nicht als Blogger fortführen.
Das Gegenteil reizt mich: Ein frecher Lehrer, ohne Maulkorb.
Die umgekehrte Frage lautet: "Willst Du nicht stolz deine Werke herzeigen? Zum Lesen weitergeben? Deinen Erfolg auskosten."
"Gut", sage ich, "Eine Spur Eitelkeit kennt jeder, oder?" Und dann erzähle ich vom dahin schlummernden Projekt, die Highlights der letzten Jahre zu einem Buch zu verdichten.
Noch bin ich zu faul dazu. Frech, sicher nicht zu feig.
Ist es eitel, wenn man seine Meinung verbreiten und lesen will?
teacher - am Donnerstag, 31. März 2011, 16:08
"Ich hab's ja leicht", lächelt eine Kollegin mitleidig, "Ich mach' einen Bogen um ihn. Aber die anderen müssen es stundenlang aushalten!"
Die anderen müssen neben ihm sitzen. Mit ihm zusammenarbeiten. Beim Sport Hilfestellung leisten. Dem Stinker.
"Ich hab's ja gut gemeint und habe ihn zur Schulärztin geschickt. Aber das ist nach hinten losgegangen."
"Warum?"
"Die hat ihn untersucht und festgestellt: Alles in Ordnung. Jetzt stehe ich blöd da."
"Wahrscheinlich hat er sich an dem Tag ordentlich gewaschen."
"Möglich. Jedenfalls habe ich die Eltern vorgeladen. Dann wusste ich Bescheid. Der Vater ... fettige Haare seit Wochen, die Mutter in munkelnden Fetzen ... und sie behaupten, dass sich ihr Sohn vorbildlich wäscht! Alles eben relativ ..."
"Und die Schulärztin hat ihnen recht gegeben. Du bist einfach zu penibel. Oder du bildest dir das ein!" *bösgrins*
"Und warum meiden ihn alle in der Klasse?"
"Mobbing."*weitergrins*
"Und die Lehrer kümmern sich nicht um ihn!"*allesgrinst*
Alles klar.
Und was die Ärztekammer meint.
Die anderen müssen neben ihm sitzen. Mit ihm zusammenarbeiten. Beim Sport Hilfestellung leisten. Dem Stinker.
"Ich hab's ja gut gemeint und habe ihn zur Schulärztin geschickt. Aber das ist nach hinten losgegangen."
"Warum?"
"Die hat ihn untersucht und festgestellt: Alles in Ordnung. Jetzt stehe ich blöd da."
"Wahrscheinlich hat er sich an dem Tag ordentlich gewaschen."
"Möglich. Jedenfalls habe ich die Eltern vorgeladen. Dann wusste ich Bescheid. Der Vater ... fettige Haare seit Wochen, die Mutter in munkelnden Fetzen ... und sie behaupten, dass sich ihr Sohn vorbildlich wäscht! Alles eben relativ ..."
"Und die Schulärztin hat ihnen recht gegeben. Du bist einfach zu penibel. Oder du bildest dir das ein!" *bösgrins*
"Und warum meiden ihn alle in der Klasse?"
"Mobbing."*weitergrins*
"Und die Lehrer kümmern sich nicht um ihn!"*allesgrinst*
Alles klar.
Und was die Ärztekammer meint.
teacher - am Mittwoch, 30. März 2011, 16:56
In diesen Zeiten wird es schwer, ernst zu bleiben.
Kollegin V. hat sich gerade die DVD "Plastic Planet" beschafft und gibt sie interessierten Leuten weiter.
"Das hat mir gerade noch gefehlt!", resumiert einer der Besorgten.
"Warum geht's da?", mischt sich jemand ein.
"Wie Plastik unsere Umwelt und unsere Gesundheit zerstört. Je mehr Plastik im Körper, desto weniger Spermien, zum Beispiel. Oder Hodenkrebs bei Kindern."
"Ja, und die Frage, warum wir Wasser aus der PET-Flasche trinken, obwohl es gesünder aus der Leitung kommt."
"Geschäftemacherei!"
"Warum werden alte AKW weiterbetrieben?"
"Geld! Gier!"
"Was würdest Du machen, wenn Du einen alten Meiler zusperren musst, aber eine Genehmigung bekommst, weiterzumachen?"
"Naja ..."
"Was glaubst du, was man bei einem vollkommen abgeschriebenen Kraftwerk verdienen kann?"
"Keine Ahnung."
"Zwei Millionen Euro ... pro Tag!"
"Weißt du, dass wir nach dem Tschernobyl-Unfall weiter im Sand gespielt haben, ohne Warnung?", hakt ein Jüngling nach.
"Und die Mai-Aufmärsche wurden beinhart durchgezogen."
"Viele von denen sind heute tot ... und Videos davon sind einfach verschwunden."
"So, Leute, Schluss. Ich muss jetzt in die Klasse gehen. Übungen zum Präteritum - und ich muss die Kindern überzeugen: "Da geht es um eure Zukunft."
Wir brechen in Lachen aus. Weil es schwer fällt, diese dumme Welt ernst zu nehmen.
Kollegin V. hat sich gerade die DVD "Plastic Planet" beschafft und gibt sie interessierten Leuten weiter.
"Das hat mir gerade noch gefehlt!", resumiert einer der Besorgten.
"Warum geht's da?", mischt sich jemand ein.
"Wie Plastik unsere Umwelt und unsere Gesundheit zerstört. Je mehr Plastik im Körper, desto weniger Spermien, zum Beispiel. Oder Hodenkrebs bei Kindern."
"Ja, und die Frage, warum wir Wasser aus der PET-Flasche trinken, obwohl es gesünder aus der Leitung kommt."
"Geschäftemacherei!"
"Warum werden alte AKW weiterbetrieben?"
"Geld! Gier!"
"Was würdest Du machen, wenn Du einen alten Meiler zusperren musst, aber eine Genehmigung bekommst, weiterzumachen?"
"Naja ..."
"Was glaubst du, was man bei einem vollkommen abgeschriebenen Kraftwerk verdienen kann?"
"Keine Ahnung."
"Zwei Millionen Euro ... pro Tag!"
"Weißt du, dass wir nach dem Tschernobyl-Unfall weiter im Sand gespielt haben, ohne Warnung?", hakt ein Jüngling nach.
"Und die Mai-Aufmärsche wurden beinhart durchgezogen."
"Viele von denen sind heute tot ... und Videos davon sind einfach verschwunden."
"So, Leute, Schluss. Ich muss jetzt in die Klasse gehen. Übungen zum Präteritum - und ich muss die Kindern überzeugen: "Da geht es um eure Zukunft."
Wir brechen in Lachen aus. Weil es schwer fällt, diese dumme Welt ernst zu nehmen.
teacher - am Montag, 28. März 2011, 20:53
Murat hat sich durchgekämpft und sein BWL-Studium erfolgreich abgeschlossen. Auf der Suche nach Praktika und Jobs stößt er an die Grenze, die er schon an der Schule zu spüren bekam: Kein Vitamin B.
"Was meinen Sie mit Vitamin B?" fragen mich die SchülerInnen.
"B wie Beziehung. Protektion."
"Ohhjaaa", kommt es im Chor zurück.
Beim Projekt "Betriebspraxis" im Rahmen der Berufsorientierung sollen die SchülerInnen drei Tage Praxisluft in einem Unternehmen schnuppern. Marlena fuhr zum Flughafen, Sarah in ein Hotel, Charlotte in eine Apotheke. Murat zählte Schrauben beim Baumax. Natürlich haben die Eltern ihre Beziehungen spielen lassen ... manche mehr, manche weniger. Manche haben niemanden.
Murat hat an der Uni Anschluss gesucht, wollte sich politisch engagieren, Netzwerke knüpfen. Die christlichen Wurzeln der Volkspartei wären religiöser Verrat gewesen, sozialdemokratische oder grüne Wirtschaftsideen sind ihm fremd geblieben ... Murat ist bei den Freiheitlichen gelandet.
"Ist dir nicht die ablehnende Einstellung zu den Immigranten zuwider?" frage ich ihn.
"Ich habe keine Alternative gesehen ... und ohne Protektion geht gar nichts."
Wenn ich erkläre, dass Schule nicht funktioniert, weil der Leistungsgedanke zu kurz kommt - bei Schülern wie bei Lehrern - dann erwidern mir die jungen Leute: "Glauben Sie wirklich, dass Leistung in unserem Leben eine Rolle spielt?"
Vitamin B zählt. Eine Droge, die wirkt. Früher nannten wir es "Korruption", heute "Networking". Und es ruiniert die Leistungsbereitschaft schon in der Schule und an der Uni. Von Integration reden wir gar nicht.
Mein Lieblingsslogan fällt mir ein: Geht's der Wirtschaft gut, geht es allen gut.
"Was meinen Sie mit Vitamin B?" fragen mich die SchülerInnen.
"B wie Beziehung. Protektion."
"Ohhjaaa", kommt es im Chor zurück.
Beim Projekt "Betriebspraxis" im Rahmen der Berufsorientierung sollen die SchülerInnen drei Tage Praxisluft in einem Unternehmen schnuppern. Marlena fuhr zum Flughafen, Sarah in ein Hotel, Charlotte in eine Apotheke. Murat zählte Schrauben beim Baumax. Natürlich haben die Eltern ihre Beziehungen spielen lassen ... manche mehr, manche weniger. Manche haben niemanden.
Murat hat an der Uni Anschluss gesucht, wollte sich politisch engagieren, Netzwerke knüpfen. Die christlichen Wurzeln der Volkspartei wären religiöser Verrat gewesen, sozialdemokratische oder grüne Wirtschaftsideen sind ihm fremd geblieben ... Murat ist bei den Freiheitlichen gelandet.
"Ist dir nicht die ablehnende Einstellung zu den Immigranten zuwider?" frage ich ihn.
"Ich habe keine Alternative gesehen ... und ohne Protektion geht gar nichts."
Wenn ich erkläre, dass Schule nicht funktioniert, weil der Leistungsgedanke zu kurz kommt - bei Schülern wie bei Lehrern - dann erwidern mir die jungen Leute: "Glauben Sie wirklich, dass Leistung in unserem Leben eine Rolle spielt?"
Vitamin B zählt. Eine Droge, die wirkt. Früher nannten wir es "Korruption", heute "Networking". Und es ruiniert die Leistungsbereitschaft schon in der Schule und an der Uni. Von Integration reden wir gar nicht.
Mein Lieblingsslogan fällt mir ein: Geht's der Wirtschaft gut, geht es allen gut.
teacher - am Samstag, 26. März 2011, 10:47
Wir haben beide Typen im Lehrkörper, USA- und KOREA-Lehrer.
A. ist ein beliebter Lehrer. Er verfügt über einen Mörderschmäh, da wird gelacht, wo es geht. Er verkauft sich und seine Fächer blendend. Er sieht auch so aus: A&F-Shirt, Boss-Jeans. Manchmal Converse, manchmal Maßhemd. Die Kinder mögen ihn, die Eltern ebenso.
"Meine Luna möchte in seine Klasse kommen, deswegen haben wir sie bei euch angemeldet", gesteht eine Mutter.
"Aus meinen Stunden vergessen sie nichts!" trompetet A. und lacht schelmisch-kokett, wenn er hinzufügt: "Wer nichts lernt, kann nichts vergessen."
Understatement mit Stil und Selbstkritik.
Entspannt sitzen die SchülerInnen auf ihren Plätzen, trinken, kauen oder spazieren durch die Klasse. "Hast Du kein Buch mit? OK, hol' dir eines aus der Bibliothek." Alles locker, alles easy. Cool.
Die SchülerInnen wählen aus, was sie gerne bearbeiten wollen; Prüfungen hat er durch Wiederholungen ersetzt. Gute Noten ersparen viel Mühe auf allen Seiten. Ein Erfolgstyp, ein USA-Lehrer.
B. unterrichtet in der gleichen Klasse, aber mit ganz anderen Ansprüchen und Zielen. Es herrscht gespannte Ruhe, keiner wagt es, während des Unterrichts zu essen oder zu trinken. Oder gar zu tratschen oder herumzuwandern. Zu spät kommt auch niemand, das endet nämlich in einem "freiwilligen" Referat. Oder einer Prüfung. Jede Stunde eine Hausübung, jede Woche eine "Lernzielkontrolle", ständige Vorladungen der Eltern, wenn sich Ansätze von Problemen auftun. B. macht sich überall unbeliebt, weil sie streng Fleiß, Disziplin und harte Arbeit einfordert - von allein Seiten. Auch von sich selbst, aber das bewundert keiner. Eine KOREA-Lehrerin eben. Nur ohne Anerkennung.
Der USA-Lehrer surft blendend durch Leben, vermeidet Probleme, ist beliebt. Die KOREA-Lehrerin sorgt für gute Ergebnisse, aber ausser PISA liebt sie niemand.
Entscheiden sie selbst:
USA, freie Wahl, viel Spaß.
KOREA gewinnt PISA. Anstrengend.
ÖSTERREICH hat keine Richtung, kalt-warm. Wir suchen den Kompromiss dazwischen und finden ihn nicht.
A. ist ein beliebter Lehrer. Er verfügt über einen Mörderschmäh, da wird gelacht, wo es geht. Er verkauft sich und seine Fächer blendend. Er sieht auch so aus: A&F-Shirt, Boss-Jeans. Manchmal Converse, manchmal Maßhemd. Die Kinder mögen ihn, die Eltern ebenso.
"Meine Luna möchte in seine Klasse kommen, deswegen haben wir sie bei euch angemeldet", gesteht eine Mutter.
"Aus meinen Stunden vergessen sie nichts!" trompetet A. und lacht schelmisch-kokett, wenn er hinzufügt: "Wer nichts lernt, kann nichts vergessen."
Understatement mit Stil und Selbstkritik.
Entspannt sitzen die SchülerInnen auf ihren Plätzen, trinken, kauen oder spazieren durch die Klasse. "Hast Du kein Buch mit? OK, hol' dir eines aus der Bibliothek." Alles locker, alles easy. Cool.
Die SchülerInnen wählen aus, was sie gerne bearbeiten wollen; Prüfungen hat er durch Wiederholungen ersetzt. Gute Noten ersparen viel Mühe auf allen Seiten. Ein Erfolgstyp, ein USA-Lehrer.
B. unterrichtet in der gleichen Klasse, aber mit ganz anderen Ansprüchen und Zielen. Es herrscht gespannte Ruhe, keiner wagt es, während des Unterrichts zu essen oder zu trinken. Oder gar zu tratschen oder herumzuwandern. Zu spät kommt auch niemand, das endet nämlich in einem "freiwilligen" Referat. Oder einer Prüfung. Jede Stunde eine Hausübung, jede Woche eine "Lernzielkontrolle", ständige Vorladungen der Eltern, wenn sich Ansätze von Problemen auftun. B. macht sich überall unbeliebt, weil sie streng Fleiß, Disziplin und harte Arbeit einfordert - von allein Seiten. Auch von sich selbst, aber das bewundert keiner. Eine KOREA-Lehrerin eben. Nur ohne Anerkennung.
Der USA-Lehrer surft blendend durch Leben, vermeidet Probleme, ist beliebt. Die KOREA-Lehrerin sorgt für gute Ergebnisse, aber ausser PISA liebt sie niemand.
Entscheiden sie selbst:
USA, freie Wahl, viel Spaß.
KOREA gewinnt PISA. Anstrengend.
ÖSTERREICH hat keine Richtung, kalt-warm. Wir suchen den Kompromiss dazwischen und finden ihn nicht.
teacher - am Dienstag, 22. März 2011, 18:58
Einmal im Monat liegen die ÖPU-Nachrichten in meinem Postfach. Natürlich bekommen LehrerInnen nicht nur ÖVP-nahe, konservative Frohbotschaften, auch die Sozialdemokraten, die Grün-Alternativen und wer-weiß-ích-noch bringt seine politische Meinung schriftlich ins Lehrerzimmer.
Die März-Ausgabe nimmt wieder klare Positionen ein:
1. Die österreichische Schule ist bei weitem nicht so schlecht wie sie von den Medien gemacht wird.
2. Die Gesamtschule bringt keine Lösung für unsere Probleme.
3. Es gibt Schulsysteme, die hohe Leistungen bringen und andere, die Kinder glücklich machen.
4. Österreichische (und auch deutsche) Schüler mögen ihre Schule viel mehr als z.B. finnische. s. Unicef-Studie: An overview of child well-being in rich countries.
In ein paar Tagen werde ich die rote Gegenmeinung kennenlernen.
Das ist nämlich Schulpolitik: Ein parteipolitisches Hick-hack. Egoistische Positionskämpfe. Radikale Widersprüche.
Institutionalisierte Ratlosigkeit mit Überzeugungscharakter.
Wir LehrerInnen glauben nämlich nicht, dass sich die Parteien um das Wohl der Kinder kümmern. Glaubt das irgend jemand noch?
Die März-Ausgabe nimmt wieder klare Positionen ein:
1. Die österreichische Schule ist bei weitem nicht so schlecht wie sie von den Medien gemacht wird.
2. Die Gesamtschule bringt keine Lösung für unsere Probleme.
3. Es gibt Schulsysteme, die hohe Leistungen bringen und andere, die Kinder glücklich machen.
4. Österreichische (und auch deutsche) Schüler mögen ihre Schule viel mehr als z.B. finnische. s. Unicef-Studie: An overview of child well-being in rich countries.
In ein paar Tagen werde ich die rote Gegenmeinung kennenlernen.
Das ist nämlich Schulpolitik: Ein parteipolitisches Hick-hack. Egoistische Positionskämpfe. Radikale Widersprüche.
Institutionalisierte Ratlosigkeit mit Überzeugungscharakter.
Wir LehrerInnen glauben nämlich nicht, dass sich die Parteien um das Wohl der Kinder kümmern. Glaubt das irgend jemand noch?
teacher - am Sonntag, 20. März 2011, 13:13
Versuchen Sie einmal, einen Fünfzehnjährigen zu überreden, mit schwarzem Sakko und Krawatte in die Schule zu gehen! Eine Vierzehnjährige mit knielangem Rock, weißer Bluse, weißen Socken und flachen Sandalen. Unsere Jugend in Schuluniformen zu zwingen. Versuchen Sie es.
Heute waren hunderte genau so adjustiert.
"Wo trefft Ihr Euch?", frage ich, nachdem ich erfahre, dass ein "flashmob" über facebook geplant wurde.
"Treffen? Nirgends! Das ist nur so ein Spaß."
"Und warum gerade in diesem Aufzug?"
"Kennen Sie nicht Hau-ei-met-yoa-masa?"
"Wie bitte?"
"Die Fernsehserie."
"Welche?"
"H o w - I - m e t - y o u r - m o t h e r! Montag 14.50 auf ORF. Das ist die geilste Serie überhaupt."
"Nööö, ich schaue nicht fern ... nicht am Nachmittag."
"Da hat der ..... (Name unverständlich) immer solche Klamotten an. Urcool!"
Aha.
Wenn es Hollywood vormacht und facebook ruft, dann geht das. Krawattchen, Söckchen ...
Aber keine Sorge: Die Jugendlichen werden weder vom Fernsehen noch vom Internet beeinflusst. Sie unterscheiden nämlich klar zwischen Fiktion und Realität. Habe ich in Medienpädagogik gelernt!
Ich erlebe das Gegenteil: Sie werden kaum mehr von ihren Eltern beeinflusst.
Heute waren hunderte genau so adjustiert.
"Wo trefft Ihr Euch?", frage ich, nachdem ich erfahre, dass ein "flashmob" über facebook geplant wurde.
"Treffen? Nirgends! Das ist nur so ein Spaß."
"Und warum gerade in diesem Aufzug?"
"Kennen Sie nicht Hau-ei-met-yoa-masa?"
"Wie bitte?"
"Die Fernsehserie."
"Welche?"
"H o w - I - m e t - y o u r - m o t h e r! Montag 14.50 auf ORF. Das ist die geilste Serie überhaupt."
"Nööö, ich schaue nicht fern ... nicht am Nachmittag."
"Da hat der ..... (Name unverständlich) immer solche Klamotten an. Urcool!"
Aha.
Wenn es Hollywood vormacht und facebook ruft, dann geht das. Krawattchen, Söckchen ...
Aber keine Sorge: Die Jugendlichen werden weder vom Fernsehen noch vom Internet beeinflusst. Sie unterscheiden nämlich klar zwischen Fiktion und Realität. Habe ich in Medienpädagogik gelernt!
Ich erlebe das Gegenteil: Sie werden kaum mehr von ihren Eltern beeinflusst.
teacher - am Mittwoch, 16. März 2011, 18:08
Ich frage mich, ob solche Zustände auch außerhalb Österreichs denkbar sind?
Es gibt Güter und Leistungen, die ihr Geld wert sind.
"Heute" ist eine Tageszeitung, die zu diesen Produkten zählt.
"Heute" ist ein Gratisblatt (!), das im Großraum Wien die öffentlichen Verkehrsmittel und Schulen verschmutzt.
"Heute hat es "Heute" wieder geschafft, uns richtig einzutunken", sagt ein angewiderter Kollege, der mit der Bahn zur Schule kommt und der geschenkten Farbpostille ins Maul gesehen hat.
Ich kenne die lehrerfeindliche Blattlinie und frage nur resigniert nach:
"Warum greifen sie uns permanent an?"
Mein Verdacht wird erhärtet ... und viele meiner KollegInnen sehen das ähnlich.
"Heute" lebt als Gratisblatt von Inseraten. Wovon auch sonst? Unzählige Seiten werden von den Regierungsstellen Wiens und Österreichs gekauft. Das rote Wien und das rote Bildungsministerium beziehen über dieses fragwürdige Massenblatt Stellung gegenüber den schwarzen Lehrergewerkschaften. Ein Machtkampf auf Kosten von SchülerInnen, LehrerInnen und qualitativen Unterricht. Sie kaufen mit Steuermillionen Werbeseiten, die eigentlich niemanden interessieren. Sie bezahlen Jubelmeldungen, die eigentlich niemand liest.
"Die Lehrer müssen weich geschossen werden", lautet der Tenor im Lehrkörper.
Wie darf ich mir das vorstellen? Sitzen da der Bundeskanzler und unsere Ministerin bei den befreundeten und mit Inseraten geköderten Blattmachern und sagen: "Wir müssen die Lehrer klein kriegen! Die müssen länger unterrichten, sonst passt unser Budget nicht ... und Lehrkräfte haben wir auch nicht genug."
Bietet dann das massiv unabhängige Buntpapier einen kleinen Deal an?
"Naja. Wenn wir über Monate richtig böse schreiben, dann glauben es die einfachen Leute schon. Die Lehrer sind eh unbeliebt, da braucht es nur genügend negative Meldungen ... dann fallen sie schon um. Der Druck der Straße bringt sie zu Fall."
Geht das so?
Oder klingt das nach Verschwörungstheorie?
Fragen Sie zehn Lehrer und elf werden die Gerüchte bestätigen: "Sicher. Unsere Chefs (!) kaufen sich mit unseren Steuergeldern die Presse, um uns unter Druck zu setzen. Unser Ruf wird systematisch ruiniert. So läuft die Politik."
Es gilt die Unschuldsvermutung (habe ich in der Billigpresse gelesen), aber es bleiben ein paar Fragen:
1. Wie arbeiten Angestellte, wenn sie das Gefühl bekommen, von ihren eigenen Vorgesetzten verraten und verkauft zu werden?
2. Wie kann man den Wahrheitsgehalt dieses Verdachts überprüfen?
3. Was sollte gegen solche Medienkampagnen unternommen werden?
Es gibt Güter und Leistungen, die ihr Geld wert sind.
"Heute" ist eine Tageszeitung, die zu diesen Produkten zählt.
"Heute" ist ein Gratisblatt (!), das im Großraum Wien die öffentlichen Verkehrsmittel und Schulen verschmutzt.
"Heute hat es "Heute" wieder geschafft, uns richtig einzutunken", sagt ein angewiderter Kollege, der mit der Bahn zur Schule kommt und der geschenkten Farbpostille ins Maul gesehen hat.
Ich kenne die lehrerfeindliche Blattlinie und frage nur resigniert nach:
"Warum greifen sie uns permanent an?"
Mein Verdacht wird erhärtet ... und viele meiner KollegInnen sehen das ähnlich.
"Heute" lebt als Gratisblatt von Inseraten. Wovon auch sonst? Unzählige Seiten werden von den Regierungsstellen Wiens und Österreichs gekauft. Das rote Wien und das rote Bildungsministerium beziehen über dieses fragwürdige Massenblatt Stellung gegenüber den schwarzen Lehrergewerkschaften. Ein Machtkampf auf Kosten von SchülerInnen, LehrerInnen und qualitativen Unterricht. Sie kaufen mit Steuermillionen Werbeseiten, die eigentlich niemanden interessieren. Sie bezahlen Jubelmeldungen, die eigentlich niemand liest.
"Die Lehrer müssen weich geschossen werden", lautet der Tenor im Lehrkörper.
Wie darf ich mir das vorstellen? Sitzen da der Bundeskanzler und unsere Ministerin bei den befreundeten und mit Inseraten geköderten Blattmachern und sagen: "Wir müssen die Lehrer klein kriegen! Die müssen länger unterrichten, sonst passt unser Budget nicht ... und Lehrkräfte haben wir auch nicht genug."
Bietet dann das massiv unabhängige Buntpapier einen kleinen Deal an?
"Naja. Wenn wir über Monate richtig böse schreiben, dann glauben es die einfachen Leute schon. Die Lehrer sind eh unbeliebt, da braucht es nur genügend negative Meldungen ... dann fallen sie schon um. Der Druck der Straße bringt sie zu Fall."
Geht das so?
Oder klingt das nach Verschwörungstheorie?
Fragen Sie zehn Lehrer und elf werden die Gerüchte bestätigen: "Sicher. Unsere Chefs (!) kaufen sich mit unseren Steuergeldern die Presse, um uns unter Druck zu setzen. Unser Ruf wird systematisch ruiniert. So läuft die Politik."
Es gilt die Unschuldsvermutung (habe ich in der Billigpresse gelesen), aber es bleiben ein paar Fragen:
1. Wie arbeiten Angestellte, wenn sie das Gefühl bekommen, von ihren eigenen Vorgesetzten verraten und verkauft zu werden?
2. Wie kann man den Wahrheitsgehalt dieses Verdachts überprüfen?
3. Was sollte gegen solche Medienkampagnen unternommen werden?
teacher - am Montag, 14. März 2011, 15:57