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cotopaxi

 
Früher war das jedes Jahr mein Wunsch:
"Bitte gebt mir eine erste Klasse."
Die Kleinen (10 Jahre) sind einfach lieb, lernwillig, ehrgeizig. Gewesen.

In den letzten Jahren wurde der Wunsch kleiner ... und zu einem Himmelfahrtskommando. Erziehungsarbeit. Dompteur.
"Gebt mir lieber eine Oberstufe. Mehr Arbeit, aber angenehmer."

Eine Supplierstunde: Ich gehe mit gemischten Gefühlen in die 1C. Ich habe von der auf Fortbildung befindlichen Kollegin ein Stapel Arbeitsblätter und diverse Aufträge bekommen. So kann man für geregelte Unterrichtsstunden sorgen: Klare Aufträge, Beschäftigung bis ans Ende der Stunde, Kontrolle.

Überraschung macht sich breit. Die Kinder kommen und stellen Fragen, sie kommen und wollen meine Verbesserung sehen. Sie helfen einander und arbeiten ruhig die ganze Stunde. Sofort möchte ich wieder eine erste Klasse haben.

"Wie war's in meiner Klasse?", fragt die weitergebildete Kollegin nach ihrer Rückkehr.
"Hey. Toll. So eine Klasse habe ich schon lange nicht gehabt."
"Und? Ist dir was aufgefallen."
"Ahhh. Nur Positives."
"Da sind fast nur Ausländer drinnen. Gut erzogen, lernwillig, engagiert."
"Stimmt eigentlich ..."
"Die haben noch richtig Respekt vor Lehrern, die haben noch Ehrgeiz, Interesse."

Purer Rassismus?

Die Banklehrlinge kommen zurück. Sie haben das Gymnasium verlassen, um eine Bankausbildung zu machen. Wir haben sie eingeladen, ihre Erfahrungen an unsere Schüler weiterzugeben.

"Bei der Bewerbung haben wir Kopfrechnungen gemacht. Richtig viele, auch mit größeren Beträgen."
Er redet nicht in "Zahlen", er denkt in "Beträgen".
Kopfrechnen in der Schule? Vorgestrig, überholt, keine Kompetenz. Schon bei einfachsten Additionen zücken wir das Handy.

"Dann bekamen wir einen Stift und eine Flipchart. Fünfzehn Minuten Vorbereitung, fünfzehn Minuten freie Rede. Pfff, das dauert, das ist Stress. Und wir mussten uns selbst organisieren."
Plötzlich ist es nicht egal, wie du sprichst. Wie du dich kleidest. Wie du dich gibst.
"Natürlich müssen wir uns ordentlich anziehen. Strumpfhosen, Blusen, dezente BHs."
Wenn ein Direktor gleichaltrigen SchülerInnen solche Vorschriften macht, wird er durch die Presse geprügelt.

"Wir mussten eine Brücke aus Pappe bauen. Im Team. Da versucht jeder sein Bestes zu geben ... und das Ergebnis muss auch stimmen. Sie musste tragfähig sein."
Dort funktioniert es. Wer nicht will oder nicht kann, der fliegt.

Nach dem ersten Durchgang waren 90 % draussen. Selektion ist in der Wirtschaft völlig normal und akzeptiert. Den gleichaltrigen Schülern würden wir das niemals zumuten. Unmenschlicher Druck.

"Bald stehst du in einer Filiale. Dann telefonierst Du mit dem Direktor, du zählst 45.000 Euro für Kunden, du hilfst am Info-Point. Ich habe sogar die Schlüssel für die Kassa bekommen."

Sie werden ernst genommen, sie verdienen sich ihr Vertrauen. Sie respektieren und werden respektiert. Sie grüßen freundlich und halten dir die Türe auf. Sie haben ein Konto und verdienen ihr Geld. Sie stehen in Ausbildung wie unsere Schüler. Aber sie leben in einer anderen Welt. Da gibt es wieder 100 Gründe zu finden, warum Schule nie so funktioniert wie eine seriöse Ausbildung.

Es fehlt der Ernst des Lebens. Schule soll ja Spaß machen.

Ich stehe am Pult und spiele gedankenlos mit meinem roten Korrekturstift, während meine Schüler an ihrer Aufgabe rätseln. Die ersten geben ab und lachen.

„Mist! Der Stift rinnt aus.“

Rote Flecken auf dem Buch, rote Flecken auf dem Tisch, rote Finger, rote Hände …
Ich suche verzweifelt irgendein Tuch, um die Flecken zu beseitigen, finde aber nur eine alte Zeitung im Raum. Ich mache sie feucht und versuche, die Farbe wenigstens vom Pult zu entfernen. Das Rot wird weniger, das Zeitungsschwarz deckt ab.
„Na super!“
Die Schülerinnen schauen amüsiert zu.
„Oh Gott, ich schau aus wie ein Ferkel ...“
Entspannte Gesichter.
„Und rote Hände haben ich auch!“
Freundliches Gelächter.

Ja, den kennen sie. Der ist so gut, dass ich immer wieder lachen muss.
„Sie könnten auch kein Kabarett spielen, weil Sie schon lachen, bevor der Witz kommt.“

Ja. Aber für den Unterricht reicht es.

In Österreich kommt man um das Thema nicht herum: Der Opernball und dessen Nutten.

Ich will daran vorbeischrammen, lese aber, wie sich eine Mutter ihren Mädchentraum wahr machen konnte: Der Sohn darf beim Ball der Bälle eintanzen.

Die stolze Mutter über den Aufwand des 19-jährigen Studenten: "Die Proben sind ja regelrechter Drill - aber das ist auch notwendig."

Klar doch, für eine Tanzveranstaltung unterziehen wir uns gerne den automatisierenden Übungen, die der sicheren Beherrschung einer Fähigkeit dienen. Beim Sport auch, beim Computerspiel ebenso ... Ich würde zusammenfassen: In der Freizeit ist Drill erlaubt, erwünscht, notwendig.

Beim schulischen Lernen oder beim Arbeiten wird Drill als menschenunwürdiger Zwang, der demotiviert und kontraproduktiv wirkt, gebrandmarkt. Drill geht gar nicht. Geht wirklich nicht?

Kann mir jemand erklären, warum Drill dort akzeptiert wird, wo er am wenigsten nützlich ist? Und nicht umgekehrt?

Nach dem Unterricht. Wir gehen gemeinsam die Stufen hinunter Richtung Ausgang. Im Erdgeschoß biegen wir ab, lassen das Haupttor links liegen.

"Gehst du nicht nach Hause?", fragt der Kollege.
"Doch! Und du?"
"Ich nehme den Seiteneingang."
"Ich auch."
"Warum eigentlich?"
"Ich gehe über den Parkplatz zum Einkaufen."
"Ist dir eigentlich aufgefallen, dass viele von uns das Haupttor generell meiden?"
"Nein, warum?"
"Ich glaube, dass viele die Ansammlung der Schüler davor umgehen. Immer mehr sagen mir, dass sie sich nicht anpöbeln lassen wollen."
"Na echt? Früher haben die Kinder den Eingang gemieden. Die Lehrer haben sie dort immer erwischt und zur Rede gestellt ... die Raucher, die Stänkerer ..."

Jetzt umgehen wir die Probleme. Kein gutes Zeichen.
Haben wir unser eigenes Revier aufgegeben?

"Guttenberg behindert Unterricht - Facebook hilft" - das wäre eine Schlagzeile nach meinem Geschmack.

Seit Guttenberg interessieren sich meine SchülerInnen für wissenschaftliches Arbeiten. Echt.

Ich kläre den Unterschied zwischen Paraphrase und Zitat.
Eine Schülerin fragt nach:
"Muss da wirklich jeder Strich genau abgeschrieben werden?"
"Ja! Selbst Fehler müssen übernommen und mit [sic!] gekennzeichnet werden."

Das gefällt ihnen, das kommt an. Sie wollen Beispiele. Kriegen sie.

"Kennt Ihr auch ein Beispiel, wo es wirklich auf jedes Zeichen ankommt, z.B. auf jeden Beistrich?"
"Ja, das habe ich auf facebook gesehen: Komm essen wir Opa."
Es bleibt ruhig in der Klasse - ein klares Zeichen, dass ich die Sätze an die Tafel schreiben und betont wiederholen muss:
1. Komm, essen wir Opa!
2. Komm, essen wir, Opa!
Lachen bestätigt Verständnis.
"Hallo. Wir lernen von facebook - zum ersten Mal in meiner Karriere."
Sie applaudieren.
"Können wir endlich zu unserem Thema kommen?", drängt die Zeit vor der nächsten Schularbeit.
Nein, sie fragen mich aus bis zum bitteren Ende der Stunde.

Eben: "Guttenberg behindert Unterricht - Facebook hilft."

Ähnliches bei: http://xchange.twoday.net/stories/main

"Ich bin froh, dass sich meine Eltern nicht so auskennen."

Sarah ist ein Schatz. Sie gehört zu den Schülerinnen, die ganze Klassen managen. Sie sammelt das Geld für das Theater ab, sie organisiert die nächste Geburtstagsfeier, sie borgt ihre Unterlagen her ... sie ist ein Schatz.

Sarah gibt ihre Portfoliomappe ab und mir bleiben die Augen offen:
"Hey, das schaut ja suuuuper aus!"
"Ja. Aber mein Papa hat mir geholfen."

Sarahs Portfolio ist säuberlichst gelayoutet, fehlerfrei, in Farbe ausgedruckt und fein gebunden.
"Mein Papa ist so ein Perfektionist, so ein technischer. Er besteht drauf, dass die Kopf- und Fußzeilen passen, die Bilder ordentlich eingebunden sind, die Abstände stimmen ... und so halt."
Sarahs Nachbarin schaut uns über die Schultern und kommentiert neidlos:
"Pfau, da hast du ja Stunden gebraucht. Bin ich froh, dass sich meine Eltern nicht so auskennen!"

Das merke ich oft. Die Eltern kennen sich mit modernen Medien nicht aus und überlassen dieses weite Feld ihren Kindern.

Facebook? Keine Ahnung.
Online-Spiele? Nie gesehen.
Youporn oder youtube? Verwechselt. Bestenfalls.
Apps am Handy? Nie gehört.
Downloaden, streamen, formatieren. Was bitte?
Copy and paste? Was willst du?

Die Kinder sind froh, dass ihre Alten nichts checken. Das schafft ihnen digitale Freiräume, die es nie zuvor gegeben hat und heftig missbraucht werden. Eltern, die sich auskennen, greifen viel gezielter ein. Die anderen reden von Vertrauen und Toleranz - was sollen sie sonst tun?

Wer nichts weiß, muss alles glauben.

Die Sportlehrerin fährt mit meiner Klasse zu einem Wettkampf. Daher muss ich ihre SchülerInnen übernehmen.

Aus diesem simplen Tausch erwachsen mehrere Probleme:

1. Ich muss ihre Stunden übernehmen, aber ich darf nicht Sport unterrichten, ich bekomme nicht einmal den Schlüssel für die Turnsäle. Ich habe zwar - in einer anderen Funktion - als Basketballtrainer gearbeitet und ich darf auf Skikursen Gruppen über Buckelpisten jagen, aber Sport in der Schule: Nein. Sport ist gefährlich und viele Unfälle passieren beim Sport, deshalb: Finger weg.

2. Ich darf schon gar keine Mädchen beim Sport betreuen. Männer sind gefährlich. Ehrlich gesagt, ich habe die Umkleidekabinen noch nie von innen gesehen ... und das ist gut so.

"Herr Professor, bitte!", betteln mich die sechzehnjährigen Mädchen an, "wir müssen unbedingt proben!"

Elf der dreißig Mädchen wollen nächste Woche bei einem der zahlreichen Bälle die Mitternachtseinlage gestalten - sie tanzen und singen. Und die Choreographie ist noch nicht ausgereift.

"Ich habe keinen Schlüssel", versuche ich die einfache Tour.
"Den besorgen wir!"
"Der Saal ist gar nicht frei."
"Wir kümmern uns um den Tausch."

Also gut, ich werde wieder zwei Regeln auf einmal brechen. Die Tänzerinnen organisieren den Turnsaal, bauen die Spiegel und die Musik auf und legen los. Rechtlich gesehen mache ich Sportunterricht mit Mädchen. Geht gar nicht. Gleichzeitig bin ich mit der anderen Klassenhälfte in einem Lehrsaal und komme dort meiner Aufsichtspflicht nach. "Bilokation" nennen wir das Wunder scherzhaft, was beweist, dass es immer wieder vorkommt.

Schule würde nicht funktionieren, wenn wir nicht mehr riskierten als das Gesetz zulässt. Wenn alles gut geht, spricht keiner davon. Wenn etwas passiert, ist der blöde Lehrer dran. Verantwortungslos. Pädagogisch?

Ich kann mich auf meine Mädchen verlassen. Meistens auf viele. Alle kenne ich gar nicht, es ist ja nicht meine Klasse.

P.S.: Sie proben bis in die Pause hinein. Und sie werden noch ein paar Stunden brauchen, so wie ich das sehe. Aber es schaut gut aus ... und sexy. Aber das sollte ich vielleicht auch nicht bemerken.

Eines unserer schulischen Hauptprobleme besteht darin, dass Jugendliche - nicht anders als Erwachsene oder Unternehmen - intuitiv nach dem ökonomischen Prinzip vorgehen. Sie sehen im Unterricht keine persönliche Bereicherung sondern eine Arbeit, bei der sie mit minimalem Aufwand ihre Ziele erreichen wollen.

Das streiten die meisten SchülerInnen gar nicht ab.

Ich lege es offen und knüpfe eine Frage daran:

"Könnt ihr mir ein Beispiel für das Minimalprinzip aus unserem Wirtschaftsleben geben?"
"Der Kik."
"Genau. Die verkaufen T-Shirts um zwei Euro - dafür müssen alle Aufwendungen auf das Minimum reduziert werden ... die billigsten Rohstoffe, die günstigsten Standorte, minimaler Service ... wo sonst wird noch gespart?"
"Beim Design ... beim Personal ... überall."

"OK. Und ein Beispiel für das Gegenteil, das Maximalprinzip?"
"Rolex, oder?"
"Gut. Die stellen mit extrem hohen Aufwand tolle Dinge her. Im wesentlichen die gleichen Produkte wie Swatch - Uhren."
"Ja, aber sauteure!"

Keiner steht auf Billigklamotten, aber das Beispiel "Swatch" bereue ich schon nach fünf Sekunden. Ich lenke schnell ab:

"Und wie schaut es mit euch in der Schule aus? Seid ihr bereit für hohen Aufwand, damit ihr beste Ergebnisse erzielt?"

Es bleibt ruhig in der Klasse.
Ich fürchte, der Vergleich mit "Swatch" wird hängenbleiben: Cool und mit minimalem Aufwand richtig Geld machen.
Minimalprinzip ist geil.

Ich habe mir ins Knie geschossen, oder?

Sam kommt aus der ostafrikanischen Oberschicht und hat als Vater eine klare Meinung zur Erziehung: "The buttock is the correction point."
Er hat - wie alle Mitglieder seiner Großfamilie und seiner Nachbarschaft - die Pflicht, die Kinder zu korrigieren. Das bedeutet für ihn, dass auch die Lehrer die Pflicht (nicht bloß das Recht) haben, Kinder zu schlagen, wenn sie falsche Dinge tun. Es geht um die ganze Gesellschaft, jeder hat sich als Teil der Gemeinschaft an deren Regeln zu halten: "The buttock belongs to the government."

Meinen Einwänden, dass unsere Lehrer - ebenso wie die Eltern - keinesfalls das Recht haben, andere zu schlagen, schon gar nicht wehrlose Kinder, entgegnet er mit einem müden Lächeln: "Yes, I know - you make hooligans!" Er kennt die Geschichten von betrunkenen, stänkernden, randalierenden, prügelnden Jugendlichen aus den europäischen Medien.

Die Summe der Gewalt ist konstant. Wenn die Erwachsenen ihre Macht aus der Hand geben, dann übernehmen die Kinder sie. Das ist unverantwortlich, das führt zu Chaos und Gewalt, meint er.

Wie erkläre ich mir den Erfolg der "Mutter des Erfolgs"? Die Yale-Professorin Amy Chua hat ihre chinesischen Erziehungsvorstellungen in eine fremde, westliche Welt getragen und dort eine Welle des Schocks ausgelöst. Der hochgelobte Drill zum Gehorsam gehört in asiatischen Kulturen zum pädagogischen Alltag, im Westen kann man damit Erfolg, aber keine Anerkennung gewinnen.

Mein persönlicher Schluss aus Sam und Amys Erziehungscredo ist deprimierend: Gibt es keine pädagogischen Grundgesetze?

Offensichtlich nicht.

Pädagogik gleicht einem Religionsgebäude, das Tabus und Gebote erzeugt, aber unfähig ist, Handlungsregeln aufzustellen, die über alle Kulturen und Zeiten Gültigkeit besitzen.

Pädagogik ist Religion, keine Wissenschaft.
Wir tun, was wir glauben, nicht, was wir wissen. Und alle glauben zu wissen.

Aber nur wir haben Recht, schließlich sind wir die fortschrittlichen Europäer.

Tief in unserer EDV-Verwaltung verstecken sich ein paar Telefonnummern, die wir im Notfall (z.B. bei Erkrankung eines Schülers) anrufen können. Meistens erreichen wir die Eltern oder Großeltern.

Erste Nummer gewählt:
"Hier spricht die Mailbox von K., hinterlassen Sie eine Nachricht."
Die Notfallnummer gehört dem Schüler selbst, sein Handy bellt.

Zweite Nummer gewählt:
"Guten Tag, Städtisches Theater. Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?"

Eher gar nicht.

Kann manchmal lustig sein. Im Ernstfall nicht.

 

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