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cotopaxi

 
"... nachdem sie unfähig sind, meine Tochter ordentlich zu motivieren."

Eine offensichtlich sehr motivierte Mutter läßt einer Deutschkollegin über das Mitteilungsheft ihrer Tochter ausrichten, dass sie "unfähig" ist und fixiert gleich einen Termin, um die "Unfähige" in einem klärenden Gespräch aufzumischen.

Hochachtungsvoll ...



" ... muss ich schon sagen, dass Sie nicht nur ein schlechter Lehrer, sondern auch ein schlechter Mensch sind", kreischt eine andere Mutter ins Telefon, nachdem der Englischlehrer es gewagt hat, um eine Vorsprache zu bitten, weil die Leistungen des Sohnes in der Fremdsprache stark abgefallen, die Störungen im Unterricht hingegen indirekt proportional dazu angestiegen sind. "Und, damit das klar ist, ich bin die einzige, die mit meinem Sohn schreien darf", fügt sie hinzu, "sonst beschwere ich mich beim Landesschulrat!"

Grußloses Ende




In diesen Tagen spürt man, wie sehr die Öffentlichkeit gegen die Schule bzw. ihre (an)greifbaren Vertreter aufgebracht ist. Gerade die schwierigsten Eltern fühlen sich von primitiven Boulevardberichten bestätigt, dass Lehrer(innen) ein unfähiges, faules, aufsässiges Pack sind, denen man ordentlich die Meinung sagen muss.

Nette Stimmung, momentan. So geladen gehen wir auch in die Klassen ... und - Gott sei Dank(!) - in die Ferien.

Schöne Ostern.

Die Ausschreibung ist zu Ende gegangen, jetzt werden die Kostenvoranschläge nachverhandelt. Der Chef einer Installationsfirma spricht beim Unternehmer persönlich vor, schließlich will er in der Krise auf diesen Großauftrag nicht verzichten.

"Ihr Offert passt ja im Großen und Ganzen, aber bei den Arbeitskosten müssen wir noch runter."
"Da haben wir absolut keinen Spielraum mehr ... die Spezialisten haben ihren Preis!"
"Wir denken so an 8 - 10 % Nachlass, dann könnten sie mithalten."
"Wir haben so knapp kalkuliert, da bleiben nöchstens 3 % Skonto für Anzahlungen über."
"Ach, lassen Sie die Mitarbeiter am Freitag länger auf der Baustelle - zwei Stunden gehen sogar bei den Lehrern!"

Kein Witz, so ist das gelaufen.

Zwei LehrerInnen kommen aus Marokko zurück. Zwei Wochen waren sie mit 25 SchülerInnen zwischen Marrakesch und Agadir unterwegs: Geographie, Biologie und Französisch in der Praxis. Sie haben Monate vorbereitet, eine Woche ihrer Ferien dafür geopfert und sogar den Flug selbst bezahlt.

"Schön blöd", hören sie von verschiedenen Seiten.
"Riskant. Wenn da was passiert!"
"14 Tage Verantwortung rund um die Uhr, das zehrt."

Letzte Woche fand die Präsentation des Exkursionsberichtes statt: Viel Applaus im Festsaal, die Jugendlichen (16-17 Jahre), präsentieren Fotos, Texte und Erinnerungen. Gute Stimmung, stolze Eltern, beeindruckte Gäste.

"Ich war erschreckt, was wir da korrigieren mussten", erzählt mir eine externe Mitarbeiterin, "die Schülerberichte waren kaum zu gebrauchen. So viele Rechtschreibfehler, unzusammenhängende Sätze, unscharfe Bilder..."

Die Realität vieler Projekte: Damit wir die Ergebnisse herzeigen können, ohne uns dafür zu genieren, schreiben wir den Großteil letztlich selbst. Schülerprojekte sind Lehrerprojekte mit Kindererschwernis. Das verschweigen alle Pädagogen rücksichtsvoll, beschämt und dezent. Auch verlogen.

Dabei kennt das jeder, der selbst mit Kindern bastelt, bäckt oder werkt. Die Ergebnisse werden so gut wie die Arbeit der Betreuer. Die Kinder freuen sich, werden gelobt und ernten die Lorbeeren. Die Lehrer tragen die Verantwortung, machen den Großteil der Arbeit und verschenken ihre Erfolge, sie müssen nur für Fehler und Kritik gerade stehen.

Das ist die Motivationstragik des Lehrberufes: Den Erfolg kassieren die Kinder, den Misserfolg die Betreuer. Den schönen Exkursionsbericht haben die SchülerInnen gemacht, die schlechten PISA-Ergebnisse verschulden die Lehrer. Könnte es nicht umgekehrt sein?

Burnout. Depression. Frust. Demotivation. Ein Erklärungsansatz und eine Falle, aus der wir herausmüssen.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ich bin beeindruckt.

Der Lehrerfreund hat über 70 Lehrerblogs zusammengestellt und die zehn besten herausgefiltert. Ein Mörderaufwand, den man anerkennen und wie eine Goldmine nutzen sollte. Also klicke ich mich von einem Blog zum anderen und sehe brillante Ergebnisse:

Wirklich nützliche Inhalte.
Wirklich schöne Layouts.
Wirklich gute Ideen.

Auch mein bescheidener Netzauftritt wurde nominiert. Sofort überkommt mich das Gefühl, in dieser digitalen Profi-Liga nicht mithalten zu können. Ich schreibe bloß meine Gedanken auf, ich blogge meinen Frust ab, ich lade zum Diskutieren ein.

Dieses/r Blog ist nicht mein Blog, es ist unserer. Es lebt von den Lesern und Schreibern, von den Menschen, die mitreden. Das ist Web 2.0, es verbindet über Grenzen und Zeiten hinweg, schafft neue Kommunikationsmöglichkeiten. Ich liebe dieses Fenster in die Öffentlichkeit und ich mag es, wenn jemand einsteigt. Ich möchte die Schule (und deren Krise) durchschaubar (und verständlich) machen und allen Interessierten eine faire Chance geben, mitzureden. Vielleicht ist dieser/s Blog hier keine Goldmine für schulische Entfaltung, aber ein offener Steinbruch an Gelegenheiten. Nutzen wir beides.

"Ordination Dr. Mayer, Grüß Gott."
"Bundesgymnasium Freistadt, Mag. Huber, kann ich mit dem Herrn Doktor persönlich sprechen?"
"Worum geht es?"
"Um seinen Sohn, ich rufe aus der Schule an. Es ist wichtig."

Die Vorzimmerdame stellt durch.

"Mayer, Grüß Gott."
"Huber, Guten Tag. Ich rufe wegen Ihrem Sohn an."
"Ja. Wo liegt das Problem?"
"Sie wissen ja, ich bin seit 3 Jahren sein Geschichtelehrer ..."
"Ja, ich weiß Bescheid."
"... und stellen Sie sich vor: Matthias kennt Vercingetorix nicht!"

Herr Doktor ist leicht verwundert und stark erleichtert. DESWEGEN hat ihn der Geschichtelehrer in der Ordination angerufen. Es hätte schlimmer kommen können.

Frau Gruber bekommt eine Vorladung: "Bitte um Vorsprache beim Sprechtag."
Sprechtag, das heißt, Frau Gruber muss sich einen halben Tag frei nehmen. Sie pilgert in die Schule und stellt sich in eine lange Reihe von wartenden Müttern und ein, zwei Vätern.
Eine knappe Stunde später im Klassenzimmer:
"Guten Tag, Gruber mein Name. Ich bin die Mutter von Gerhard, 7 C."
"Ja. Wissen Sie, warum ich Sie vorgeladen habe?"
"Naja, Gerhard sagt, weil er einmal das Buch vergessen hat."
"Genau. So können wir nicht arbeiten!"
"Ahhh ... und DESWEGEN muss ich hier herkommen?"

Vielleicht sollten wir Telefon, E-Mails oder sowas erfinden.

P.S.: Beide Kollegen führen tadellose Klassen, hoch organisiert, vorzügliche Leistungen, keine Beschwerden. Klassenvorstände, die bei den kleinsten Kleinigkeiten eingreifen, ersticken Probleme im Keim. Lächerlichkeit wirkt?

 

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