"Inhalte oder Methoden unterrichten", das war der Anlass.
"Unsere Schüler sollten doch lernen, wie man einen Lebenslauf schreibt!", meint eine Englisch-Kollegin kämpferisch.
"Im Gegenteil, sie dürfen nicht", gebe ich Kontra.
Gerald, ein ehemaliger Schüler will sich für ein Auslandspraktikum bewerben und fragt über Facebook an, wo er dafür Tipps und Vorlagen im Netz finden kann. Für mich ein Handgriff, vier Links wandern durchs Netz: know-where and social software.
"Schau", erkläre ich der überraschten Kollegin, "wenn Gerald jetzt ein fremdsprachiges Bewerbungsschreiben selbständig verfasst, dann wird er garantiert Fehler machen. Er wird im alten Schulbuchstil irgend einen 08/15-Brief schreiben und gegen professionell gestaltete und gelayoutete Konkurrenten verlieren."
Die Kollegin hört zweifelnd zu.
"Deshalb sucht er im Netz die passenden Vorlagen, setzt seine Daten ein ... er wird ein perfektes Ergebnis abschicken und die Stelle bekommen."
"Dafür muss er aber gut ausgebildet sein ..."
"Ja. Was zählt, ist aber nicht das Schreiben, also der Inhalt, sondern das Suchen, das Auswählen, das Anpassen. Das sind Methoden - statt Inhalte."
Es gefällt uns nicht, dass "copy & paste" die Sieger kürt. Es ist das wahre Problem des traditionellen Unterrichts: Das Internet weiß alles schneller, besser und billiger - wozu noch lernen? Das geht so langsam, ist so mittelmäßig und unglaublich aufwändig. Also wozu?
"Unsere Schüler sollten doch lernen, wie man einen Lebenslauf schreibt!", meint eine Englisch-Kollegin kämpferisch.
"Im Gegenteil, sie dürfen nicht", gebe ich Kontra.
Gerald, ein ehemaliger Schüler will sich für ein Auslandspraktikum bewerben und fragt über Facebook an, wo er dafür Tipps und Vorlagen im Netz finden kann. Für mich ein Handgriff, vier Links wandern durchs Netz: know-where and social software.
"Schau", erkläre ich der überraschten Kollegin, "wenn Gerald jetzt ein fremdsprachiges Bewerbungsschreiben selbständig verfasst, dann wird er garantiert Fehler machen. Er wird im alten Schulbuchstil irgend einen 08/15-Brief schreiben und gegen professionell gestaltete und gelayoutete Konkurrenten verlieren."
Die Kollegin hört zweifelnd zu.
"Deshalb sucht er im Netz die passenden Vorlagen, setzt seine Daten ein ... er wird ein perfektes Ergebnis abschicken und die Stelle bekommen."
"Dafür muss er aber gut ausgebildet sein ..."
"Ja. Was zählt, ist aber nicht das Schreiben, also der Inhalt, sondern das Suchen, das Auswählen, das Anpassen. Das sind Methoden - statt Inhalte."
Es gefällt uns nicht, dass "copy & paste" die Sieger kürt. Es ist das wahre Problem des traditionellen Unterrichts: Das Internet weiß alles schneller, besser und billiger - wozu noch lernen? Das geht so langsam, ist so mittelmäßig und unglaublich aufwändig. Also wozu?
teacher - am Montag, 30. März 2009, 10:07
Mit der Diskussion über die Arbeitszeitverlängerung für Lehrer interessieren sich die Medien für unsere Arbeitsverhältnisse. Also kommen Journalisten, Fotografen und Kameraleute in die Klassen ... und suchen Bestätigung für ihre Annahmen.
Das Filmteam marschiert über den Gang und will die Schulatmosphäre festhalten. Die lustigen Kids schießen mit Staniolpapierln auf sie, sie schreien und wieseln herum und ... sind einfach Kids. Das gedrehte Material ist unbrauchbar, die Szene wird am Nachmittag nachgestellt, mit einer Lehrperson, die in Ruhe in die Klasse geht.
Das Filmteam macht Interviews mit SchülerInnen. Diese berichten aus ihrem Alltag, freuen sich über ihren Beitrag ... und werden rausgeschnitten. Ihre Meldungen passen nichts ins Vorurteil, sie erzählen von Spaß mit ihren Freunden, von netten Lehrerinnen und einer coolen Zeit. Wo bleibt da das "Feindbild Lehrer", verdammt! Mistkübel.
Das Filmteam zoomt ins überquellende Lehrerzimmer. Bücher und Hefte türmen sich auf viel zu engen Holztischen, die Gänge sind verstopft, die Hektik alles andere als telegen. Wieder muss am Nachmittag nachgedreht werden, weil die blöde Realität fürs Fernsehen nicht taugt.
Am Abend schauen wir uns die Sendung an: Alles gestellt, alles verstellt, alles aufbereitet. Wir sehen nicht das Leben einer Schule, sondern das bestätigte Vorurteil von Journalisten über eine Schule, die geändert gehört.
Meinungsmache statt Recherche. Entertainment statt Information.
Das Filmteam marschiert über den Gang und will die Schulatmosphäre festhalten. Die lustigen Kids schießen mit Staniolpapierln auf sie, sie schreien und wieseln herum und ... sind einfach Kids. Das gedrehte Material ist unbrauchbar, die Szene wird am Nachmittag nachgestellt, mit einer Lehrperson, die in Ruhe in die Klasse geht.
Das Filmteam macht Interviews mit SchülerInnen. Diese berichten aus ihrem Alltag, freuen sich über ihren Beitrag ... und werden rausgeschnitten. Ihre Meldungen passen nichts ins Vorurteil, sie erzählen von Spaß mit ihren Freunden, von netten Lehrerinnen und einer coolen Zeit. Wo bleibt da das "Feindbild Lehrer", verdammt! Mistkübel.
Das Filmteam zoomt ins überquellende Lehrerzimmer. Bücher und Hefte türmen sich auf viel zu engen Holztischen, die Gänge sind verstopft, die Hektik alles andere als telegen. Wieder muss am Nachmittag nachgedreht werden, weil die blöde Realität fürs Fernsehen nicht taugt.
Am Abend schauen wir uns die Sendung an: Alles gestellt, alles verstellt, alles aufbereitet. Wir sehen nicht das Leben einer Schule, sondern das bestätigte Vorurteil von Journalisten über eine Schule, die geändert gehört.
Meinungsmache statt Recherche. Entertainment statt Information.
teacher - am Dienstag, 24. März 2009, 20:46
Auf dem Lehrertisch liegt einsam und verlassen ein Handy.
Ich halte es in die Klasse und frage: "Wem gehört das?"
Sooo bekommt man Aufmerksamkeit unter den Zwölfjährigen! Sie kramen nervös in ihren Taschen und zeigen erleichtert ihre technische Überlegenheit: "Je cooler, desto I-Phone" (fasse ich meinen ersten Eindruck zusammen). Die Schlaueren brauchen diesen Protz nicht wirklich.
"Sie haben kein Handy?", erregt sich eines der Mädchen, als würde ich an einer unheilbarer Stoffwechselkrankheit leiden.
"Im Normalfall brauche ich keines. Es liegt seit 14 Tagen am Computer, der Akku ist leer ... und überhaupt: Ich mag nicht an der langen Leine hängen."
"Dann sind Sie ein MOF!", schließt das Mädchen.
"Ein was?"
"Ein MOF - Mensch ohne Freunde."
"Nee. Bloß ein MOH ... Mensch ohne Handy."
Ich halte es in die Klasse und frage: "Wem gehört das?"
Sooo bekommt man Aufmerksamkeit unter den Zwölfjährigen! Sie kramen nervös in ihren Taschen und zeigen erleichtert ihre technische Überlegenheit: "Je cooler, desto I-Phone" (fasse ich meinen ersten Eindruck zusammen). Die Schlaueren brauchen diesen Protz nicht wirklich.
"Sie haben kein Handy?", erregt sich eines der Mädchen, als würde ich an einer unheilbarer Stoffwechselkrankheit leiden.
"Im Normalfall brauche ich keines. Es liegt seit 14 Tagen am Computer, der Akku ist leer ... und überhaupt: Ich mag nicht an der langen Leine hängen."
"Dann sind Sie ein MOF!", schließt das Mädchen.
"Ein was?"
"Ein MOF - Mensch ohne Freunde."
"Nee. Bloß ein MOH ... Mensch ohne Handy."
teacher - am Freitag, 20. März 2009, 12:57
"Ich will so werden wie mein Ruf."
Eine Kollegin hat den Spruch locker witzig über den Schreibtisch geworfen. Seither geht er mir nicht mehr aus dem Sinn:
"Ich will so werden wie mein Ruf."
Wenn Lehrer beginnen so zu denken und den Spruch allmählich auch umsetzen, dann verspreche ich euch einen nie gesehenen Niedergang des Bildungssystems.
Gute Nacht.
Eine Kollegin hat den Spruch locker witzig über den Schreibtisch geworfen. Seither geht er mir nicht mehr aus dem Sinn:
"Ich will so werden wie mein Ruf."
Wenn Lehrer beginnen so zu denken und den Spruch allmählich auch umsetzen, dann verspreche ich euch einen nie gesehenen Niedergang des Bildungssystems.
Gute Nacht.
teacher - am Mittwoch, 18. März 2009, 20:15
Ich schaue in ihre Augen und denke: "Ein Wahnsinn."
Diese Frau ist so fertig wie ihre Klasse. Die Ringe um ihre Augen tragen das gleiche Schwarz wie die Seelen einiger Kinder.
"Ich möchte ja nicht um Geschenke betteln, aber kannst Du zwei Augen zudrücken", fragt sie die Physikkollegin, die den letzten Test richtig hart benotete.
"Die Kathi kommt in der Früh nicht aus dem Bett heraus. Nach der Scheidung musste sie zum Papa ziehen, seitdem ist es aus mit ihr. Tiefste Depressionen."
"Die Aisha verbringt mehr Zeit am Gericht als in der Schule, weil sie für ihre Mutter dolmetschen muss. Der Papa ist verschwunden, sie kämpfen um die Alimente."
"Die Sarah kümmert sich um zwei kleine Geschwister, Ihre Mutter versinkt im Alkohol."
Die Frau Klassenvorstand mit den dunklen Augenringen ist nicht zu stoppen. Sie kennt alle desolaten Biographien der Klasse und bittet um Nachsicht für ihre SchülerInnen. Eigentlich müsste ich ihr sagen: "Mensch, du musst dich distanzieren lernen, sonst machst du dich komplett fertig." Aber dann haben die Kinder niemanden mehr.
In der nächsten Pause läuft mir ein anderes Mädchen aus der selben Klasse nach: "Können Sie mir ein Buch empfehlen, das gut ausgeht?"
"Wie meinst du das?"
"Überall Krise, Umweltverschmutzung, Katastrophen, Kriege ... ich möchte irgendwas Hoffnungsvolles."
Ich denke kurz nach und schüttle den Kopf:
"Aber wenn Du was findest, gib mir bitte Bescheid."
Diese Frau ist so fertig wie ihre Klasse. Die Ringe um ihre Augen tragen das gleiche Schwarz wie die Seelen einiger Kinder.
"Ich möchte ja nicht um Geschenke betteln, aber kannst Du zwei Augen zudrücken", fragt sie die Physikkollegin, die den letzten Test richtig hart benotete.
"Die Kathi kommt in der Früh nicht aus dem Bett heraus. Nach der Scheidung musste sie zum Papa ziehen, seitdem ist es aus mit ihr. Tiefste Depressionen."
"Die Aisha verbringt mehr Zeit am Gericht als in der Schule, weil sie für ihre Mutter dolmetschen muss. Der Papa ist verschwunden, sie kämpfen um die Alimente."
"Die Sarah kümmert sich um zwei kleine Geschwister, Ihre Mutter versinkt im Alkohol."
Die Frau Klassenvorstand mit den dunklen Augenringen ist nicht zu stoppen. Sie kennt alle desolaten Biographien der Klasse und bittet um Nachsicht für ihre SchülerInnen. Eigentlich müsste ich ihr sagen: "Mensch, du musst dich distanzieren lernen, sonst machst du dich komplett fertig." Aber dann haben die Kinder niemanden mehr.
In der nächsten Pause läuft mir ein anderes Mädchen aus der selben Klasse nach: "Können Sie mir ein Buch empfehlen, das gut ausgeht?"
"Wie meinst du das?"
"Überall Krise, Umweltverschmutzung, Katastrophen, Kriege ... ich möchte irgendwas Hoffnungsvolles."
Ich denke kurz nach und schüttle den Kopf:
"Aber wenn Du was findest, gib mir bitte Bescheid."
teacher - am Montag, 16. März 2009, 08:10
"Wir brauchen einen Dreier. Was werden Sie tun?"
Mit diesen Worten steht eine Mutter vor der Deutschlehrerin und erklärt ihre Lage: Ihr Sohn hat sich um eine Lehrstelle beworben, aber das Nicht genügend in der Muttersprache kann der Arbeitgeber nicht akzeptieren.
Die Kollegin versteht den Wunsch, muss aber den Tatsachen ins Auge schauen: "Da muss sich ihr Sohn richtig ins Zeug legen. Schauen Sie sich die Grammatikfehler an. Da heißt es üben, üben, üben. Zuerst sollte er alle versäumten Hausübungen abgeben, dann ..."
Das meinte die Mutter nicht. Sie fragt noch einmal: "Was werden SIE tun?"
"Ich? Ich übe, ich korrigiere, ich ..."
"Ja," zeigt sich die Mutter genervt, "das ist ihre Arbeit. Aber wir brauchen einen Dreier. Was tun sie dafür?"
Liebe Eltern, ihr braucht nur bestellen: Gute Noten für alle. Interessiert?
Wir machen das.
Mit diesen Worten steht eine Mutter vor der Deutschlehrerin und erklärt ihre Lage: Ihr Sohn hat sich um eine Lehrstelle beworben, aber das Nicht genügend in der Muttersprache kann der Arbeitgeber nicht akzeptieren.
Die Kollegin versteht den Wunsch, muss aber den Tatsachen ins Auge schauen: "Da muss sich ihr Sohn richtig ins Zeug legen. Schauen Sie sich die Grammatikfehler an. Da heißt es üben, üben, üben. Zuerst sollte er alle versäumten Hausübungen abgeben, dann ..."
Das meinte die Mutter nicht. Sie fragt noch einmal: "Was werden SIE tun?"
"Ich? Ich übe, ich korrigiere, ich ..."
"Ja," zeigt sich die Mutter genervt, "das ist ihre Arbeit. Aber wir brauchen einen Dreier. Was tun sie dafür?"
Liebe Eltern, ihr braucht nur bestellen: Gute Noten für alle. Interessiert?
Wir machen das.
teacher - am Donnerstag, 12. März 2009, 21:10
"Eigentlich könnte ich erleichtert sein", erzählt mir ein guter Freund und betrübter Kollege. "Wir haben letzte Woche eine Begräbniskonferenz gehabt: Die Computerklassen sind tot."
Sofort fühle ich mich mitschuldig. Ich habe ihn vor kurzem noch gefragt: "Weißt Du eigentlich, was Ihr euch damit antut?"
Es war alles geplant. Die Klassenräume ausgewählt, die Notebooks besichtigt, deren Wartung geklärt, das W-LAN getestet, die Versicherung ausgesucht. Die Vorgesetzten waren informiert, der Direktor stolz, der Landesschulrat gespannt. Dreißig Lehrer zwischen 40 und 55 Jahren waren vom Projekt überzeugt worden und bereit sich darauf einzulassen: Computerklassen für die Kleinen. Jeder Zehnjährige sollte für eine geringe Leasingrate sein Notebook auf der Schulbank stehen haben, nach dem bekannten Motto: OLPC- One Laptop per child. Jeder Lehrer wollte seinen Unterricht für diese Klassen auf den neuesten Stand bringen, Software testen und einsetzen. Kollaborative, kommunikative, webbasierte Lernszenarien ausprobieren. Viel Arbeit, viel Neues, viel Hoffnung. Niemand hat sich gewehrt, niemand über Zusatzarbeit gejammert, alle schauten optimistisch ins nächste Schuljahr.
Vergangenheit. Die beiden Organisatoren haben abgesagt: "Wenn Frau Minister meint, dass wir weniger vorbereiten sollen und mehr in der Klasse stehen, dann tun wir das."
Wahrscheinlich wird das böse Ende niemand bemerken. Die Kinder und Eltern waren noch nicht informiert, die Aufträge noch nicht unterschrieben, die Presse bekommt keinen Wind davon, die Schulbehörden werden sich in Schweigen hüllen.
Ich bin wirklich getroffen, weil eine ganze Gruppe engagierter Lehrer das Handtuch wirft. Die Frau Unterrichtsminister verkündet inzwischen dem Boulevard: "Wie ich die Schule rette."
So nicht.
Sofort fühle ich mich mitschuldig. Ich habe ihn vor kurzem noch gefragt: "Weißt Du eigentlich, was Ihr euch damit antut?"
Es war alles geplant. Die Klassenräume ausgewählt, die Notebooks besichtigt, deren Wartung geklärt, das W-LAN getestet, die Versicherung ausgesucht. Die Vorgesetzten waren informiert, der Direktor stolz, der Landesschulrat gespannt. Dreißig Lehrer zwischen 40 und 55 Jahren waren vom Projekt überzeugt worden und bereit sich darauf einzulassen: Computerklassen für die Kleinen. Jeder Zehnjährige sollte für eine geringe Leasingrate sein Notebook auf der Schulbank stehen haben, nach dem bekannten Motto: OLPC- One Laptop per child. Jeder Lehrer wollte seinen Unterricht für diese Klassen auf den neuesten Stand bringen, Software testen und einsetzen. Kollaborative, kommunikative, webbasierte Lernszenarien ausprobieren. Viel Arbeit, viel Neues, viel Hoffnung. Niemand hat sich gewehrt, niemand über Zusatzarbeit gejammert, alle schauten optimistisch ins nächste Schuljahr.
Vergangenheit. Die beiden Organisatoren haben abgesagt: "Wenn Frau Minister meint, dass wir weniger vorbereiten sollen und mehr in der Klasse stehen, dann tun wir das."
Wahrscheinlich wird das böse Ende niemand bemerken. Die Kinder und Eltern waren noch nicht informiert, die Aufträge noch nicht unterschrieben, die Presse bekommt keinen Wind davon, die Schulbehörden werden sich in Schweigen hüllen.
Ich bin wirklich getroffen, weil eine ganze Gruppe engagierter Lehrer das Handtuch wirft. Die Frau Unterrichtsminister verkündet inzwischen dem Boulevard: "Wie ich die Schule rette."
So nicht.
teacher - am Sonntag, 8. März 2009, 15:18
Ich frage meine Schüler, frage meine Bekannten und auch die Nachbarn. Ich höre mich um und die Stimmung ist eindeutig: "Nein, Lehrer möchte ich heutzutage nicht sein." Sie haben ihre Argumente, sie kennen unsere Kinder und auch die Zustände in den Schulen.
Dann drehen sie sich um und schreien mit der Masse mit: "Die sollen ruhig zwei Stunden mehr arbeiten, die haben eh soviel Ferien."
Ich höre den Kollegen zu und spüre diese Enttäuschung: "Die Leute können sich nicht vorstellen, wie anstrengend eine Stunde unter 30 Kindern ist. Zwei Stunden, drei Stunden, vier Stunden ... da kann die fünfte Stunde zur Qual werden."
So ist es: Nach drei Unterrichtsstunden brauche ich Luft, Platz, Raum ohne Lärm, ohne Fragen, ohne Druck. Vier Stunden en suite ist Schwerarbeit, die fünfte wird zum Grenzfall, die sechste zur Qual. Für alle Beteiligten.
Wer das nicht glauben will, soll es probieren: Sperren Sie sich mit 30 Kindern sechs Stunden lang in einen Raum (es darf auch das Schwimmbad oder ein Schulbus sein) und probieren Sie, ausgeglichen und sympathisch zu bleiben. Fühlen Sie sich ruhig für alle verantwortlich und gehen Sie individuell auf Wünsche und Probleme ein ....
Vielleicht werden Sie streiken, wenn dann jemand kommt und Ihnen zwei weitere Stunden zumuten will: "Um die Qualität des Unterrichts zu steigern." Jede Woche, ein Leben lang.
Dann drehen sie sich um und schreien mit der Masse mit: "Die sollen ruhig zwei Stunden mehr arbeiten, die haben eh soviel Ferien."
Ich höre den Kollegen zu und spüre diese Enttäuschung: "Die Leute können sich nicht vorstellen, wie anstrengend eine Stunde unter 30 Kindern ist. Zwei Stunden, drei Stunden, vier Stunden ... da kann die fünfte Stunde zur Qual werden."
So ist es: Nach drei Unterrichtsstunden brauche ich Luft, Platz, Raum ohne Lärm, ohne Fragen, ohne Druck. Vier Stunden en suite ist Schwerarbeit, die fünfte wird zum Grenzfall, die sechste zur Qual. Für alle Beteiligten.
Wer das nicht glauben will, soll es probieren: Sperren Sie sich mit 30 Kindern sechs Stunden lang in einen Raum (es darf auch das Schwimmbad oder ein Schulbus sein) und probieren Sie, ausgeglichen und sympathisch zu bleiben. Fühlen Sie sich ruhig für alle verantwortlich und gehen Sie individuell auf Wünsche und Probleme ein ....
Vielleicht werden Sie streiken, wenn dann jemand kommt und Ihnen zwei weitere Stunden zumuten will: "Um die Qualität des Unterrichts zu steigern." Jede Woche, ein Leben lang.
teacher - am Freitag, 6. März 2009, 08:17
Seit einigen Wochen stapeln sich neue Bücher auf meinem Schreibtisch. Nicht Handke oder Kehlmann, sondern neu erschienene Lehrbücher, die kurz vor den Konferenzterminen um Aufmerksamkeit buhlen: "Bestellt mich!"
Jetzt gibt es zwei Gruppen von Kollegen, die Neugierigen und die Vorsichtigen.
Ich bin ein Neugieriger, ich kann an keinem Lehrwerk vorbei. Ich blättere, ich schmöckere, ich staune. Vieles kommt mir bekannt vor, einiges wurde erneuert, weniges reisst mich vom Hocker. Der Trend gefällt mir: Unsere Bücher werden bunter, luftiger, moderner. Kompetenzen rücken in den Vordergrund, Lernstoff verliert an Bedeutung. Aktivitäten werden angeregt, passives Lesen hat ausgedient. Immer wieder finde ich neue Ideen, die mich zum Kopierer laufen lassen (Kopieren von Lehrbüchern ist verboten!). Mein Entschluss: "Will haben".
Bedeutet: Ich muss acht Kolleginnen überzeugen, dass sich eine Umstellung auszahlt.
Da kommen die Vorsichtigen ins Spiel:
"Was kostet das Buch?" (Immer mehr als das alte, d.h. zu viel)
"Gibt es Begleitmaterial?" (Meistens nur gegen Zusatzbezahlung, die niemand übernehmen will)
"Passt es in unseren Lehrplan?" (Ja, aber es wurde für Deutschland geschrieben)
"Kann ich meine alten Vorbereitungen weiter verwenden?" (Nein)
"Bereitet der letzte Band auf die NEUE Matura vor?" (Nein, keines der Bücher geht auf diese - unausgereifte - Novelle ein)
Tage später bekomme ich Rückmeldung: "Entscheide Du!"
OK - Ab nächstem Jahr arbeiten wir mit neuen Lehrbüchern.
Mein siebenter Wechsel, erzählt meine Hausbibliothek.
Vorsicht vor Neugier!
Jetzt gibt es zwei Gruppen von Kollegen, die Neugierigen und die Vorsichtigen.
Ich bin ein Neugieriger, ich kann an keinem Lehrwerk vorbei. Ich blättere, ich schmöckere, ich staune. Vieles kommt mir bekannt vor, einiges wurde erneuert, weniges reisst mich vom Hocker. Der Trend gefällt mir: Unsere Bücher werden bunter, luftiger, moderner. Kompetenzen rücken in den Vordergrund, Lernstoff verliert an Bedeutung. Aktivitäten werden angeregt, passives Lesen hat ausgedient. Immer wieder finde ich neue Ideen, die mich zum Kopierer laufen lassen (Kopieren von Lehrbüchern ist verboten!). Mein Entschluss: "Will haben".
Bedeutet: Ich muss acht Kolleginnen überzeugen, dass sich eine Umstellung auszahlt.
Da kommen die Vorsichtigen ins Spiel:
"Was kostet das Buch?" (Immer mehr als das alte, d.h. zu viel)
"Gibt es Begleitmaterial?" (Meistens nur gegen Zusatzbezahlung, die niemand übernehmen will)
"Passt es in unseren Lehrplan?" (Ja, aber es wurde für Deutschland geschrieben)
"Kann ich meine alten Vorbereitungen weiter verwenden?" (Nein)
"Bereitet der letzte Band auf die NEUE Matura vor?" (Nein, keines der Bücher geht auf diese - unausgereifte - Novelle ein)
Tage später bekomme ich Rückmeldung: "Entscheide Du!"
OK - Ab nächstem Jahr arbeiten wir mit neuen Lehrbüchern.
Mein siebenter Wechsel, erzählt meine Hausbibliothek.
Vorsicht vor Neugier!
teacher - am Mittwoch, 4. März 2009, 19:08
Unsere Frau Minister "lädt uns herzlich ein", ab nächstem Jahr zwei Stunden pro Woche länger zu arbeiten. Natürlich unbezahlt.
Als Solidaritätsbeitrag.
Klar, sie kommt aus dem Bankmanagement. Dort hat man in den letzten Jahren aberwitzige Milliarden verzockt, das soll jetzt der Staat mit seinen Mitarbeitern auslöfflen. Logisch.
Als Umstrukturierungsmaßnahme.
Wir sollen zwei Stunden mehr in den Klassen stehen, und einfach anderswo weniger arbeiten: Weniger Vorbereitung, weniger Korrektur, weniger Fortbildung. Das nennt Frau Minister Qualitätsverbesserung. Logisch.
Als Wunsch der Bevölkerung.
Ich verstehe gut, dass zwei Drittel der Befragten für diese Maßnahmen eintreten. Ein bisschen Neid schüren, ein bisschen Propaganda betreiben, ein ruiniertes Image ausnützen ... hat immer funktioniert. Logisch.
Und warum sparen wir nicht bei der Verwaltung? Bei der Frau Ministerin? In den Ämtern und Landesschulräten? Da fließt das halbe Bildungsbudget hinein - und zwar weitgehend sinnlos. Wäre die Bevölkerung damit nicht einverstanden?
Ein Stimmungsbild aus dem Lehrkörper:
"Wir bezahlen die Bankenkrise? Und die superteure Gesamtschule, die wir für völlig wertlos halten."
"Es geht ihr nur um Aufbewahrung, nicht um Qualität. Hauptsache wir stehen länger in der Klasse."
"Ehrlich, ich arbeite an der Grenze, mindestens 50 Stunden pro Woche. Eine zusätzliche Klasse, das werde ich nicht durchdrücken ..."
"Gehts den Lehrern schlecht - gehts den Leuten gut. Und den Kindern?"
"Schau, ich werde zwei Stunden länger in der Schule sein. OK, aber drei Stunden zuhause weniger arbeiten. Demotivation zahlt sich aus, das weiß jeder Wirtschaftspsychologe."
"Ich freue mich auf die nächste PISA-Studie. Das kann nur schief gehen."
"Ich bin bereit, zu sparen ... und länger zu arbeiten. Wenn das alle anderen auch tun!"
Als Solidaritätsbeitrag.
Klar, sie kommt aus dem Bankmanagement. Dort hat man in den letzten Jahren aberwitzige Milliarden verzockt, das soll jetzt der Staat mit seinen Mitarbeitern auslöfflen. Logisch.
Als Umstrukturierungsmaßnahme.
Wir sollen zwei Stunden mehr in den Klassen stehen, und einfach anderswo weniger arbeiten: Weniger Vorbereitung, weniger Korrektur, weniger Fortbildung. Das nennt Frau Minister Qualitätsverbesserung. Logisch.
Als Wunsch der Bevölkerung.
Ich verstehe gut, dass zwei Drittel der Befragten für diese Maßnahmen eintreten. Ein bisschen Neid schüren, ein bisschen Propaganda betreiben, ein ruiniertes Image ausnützen ... hat immer funktioniert. Logisch.
Und warum sparen wir nicht bei der Verwaltung? Bei der Frau Ministerin? In den Ämtern und Landesschulräten? Da fließt das halbe Bildungsbudget hinein - und zwar weitgehend sinnlos. Wäre die Bevölkerung damit nicht einverstanden?
Ein Stimmungsbild aus dem Lehrkörper:
"Wir bezahlen die Bankenkrise? Und die superteure Gesamtschule, die wir für völlig wertlos halten."
"Es geht ihr nur um Aufbewahrung, nicht um Qualität. Hauptsache wir stehen länger in der Klasse."
"Ehrlich, ich arbeite an der Grenze, mindestens 50 Stunden pro Woche. Eine zusätzliche Klasse, das werde ich nicht durchdrücken ..."
"Gehts den Lehrern schlecht - gehts den Leuten gut. Und den Kindern?"
"Schau, ich werde zwei Stunden länger in der Schule sein. OK, aber drei Stunden zuhause weniger arbeiten. Demotivation zahlt sich aus, das weiß jeder Wirtschaftspsychologe."
"Ich freue mich auf die nächste PISA-Studie. Das kann nur schief gehen."
"Ich bin bereit, zu sparen ... und länger zu arbeiten. Wenn das alle anderen auch tun!"
teacher - am Samstag, 28. Februar 2009, 13:25