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cotopaxi

 
Nach einer verhauten Prüfung frage ich Hussein, was ihn eigentlich interessiere.
Antwort: "Das weiß ich nicht."

Hussein muss das Gymnasium verlassen, weil er zu wenig - aber eines sicher - weiß: Schule interessiert ihn nicht. Er wird in eine Hauptschule wechseln, obwohl ich ihn zu den Hochbegabten zähle. Er weiß das, seine Mutter auch. Sie setzt sich verzweifelt täglich mit Hussein hin, um Latein, Mathematik und Englisch zu pauken. Hussein erträgt es geduldig wie ein Insasse das Gefängnis - noch zwei Jahre Pflichtschule, dann wird er frei sein.

Ich mag Hussein, er ist lustig, kreativ und freundlich. Aber völlig lernresistent. Ich spreche mit dem Klassenvorstand und wir sind uns einig: "Er will nicht lernen, da können wir nichts machen."

Am Abend lese ich in der Zeitung:

"Und wesentlich in diesem Zusammenhang ist aber der Wille zum Lernen. Dieser Wille aber ist in Amerika und Europa leider vielfach abhandengekommen."

R. J. Neuwirth, Professor an Universitäten in Macau und Indien, spricht gar nicht von Schulen, sondern von Unternehmen und Gesellschaften. Während Asiaten neugierig unsere Produkte und unser Know-how übernehmen, "übt man sich in arroganter Ignoranz".

Nein, nicht nur Kinder verweigern das Lernen, unsere Gesellschaft ist lernunwillig geworden. Sagt er.

Unsere SchülerInnen haben bis 14 ein Mitteilungsheft. Fällt eine Stunde aus - Eintrag ins Mitteilungsheft. Sind sechs Euro fürs Schultheater fällig - Mitteilungsheft. Fallen die Leistungen extrem ab - persönliche Notiz ins Mitteilungsheft.

Am nächsten Tag kontrollieren wir die "Unterschrift der Erziehungsberechtigten". Die heiklen Fälle haben es vergessen, klar. Die ganze heiklen probieren andere Tricks:

Max hat eine alte, unterschriebene Eintragung weggekillert (vorsichtshalber schreibt er mit Tinte) und die Vorladung wegen schlechter Leistungen darüber geschmiert. So muss er die - schwierige - Unterschrift seines Vaters nicht fälschen und kann trotzdem eine unterschriebene Nachricht vorweisen. Das fällt selbst dem dümmsten Lehrer auf, aber Max hält uns für noch dümmer.

Kurzes Interview.
"Ja, ich geb's zu. Ich hab's dem Papa nicht gezeigt. Ich hab mich nicht getraut."
Also muss man zuhause anrufen und dem Vater direkt berichten, dass sein Sohn das Schuljahr nicht schaffen wird. Nach einer kurzen Nachdenkpause überrascht der überraschte Vater am Telefon:
"Ja, jetzt erinnere ich mich. Max hat mir das am späten Abend gezeigt - natürlich habe ich das unterschrieben."

Aussage Vater gegen Aussage Sohn. Es ist peinlich, dem Sohn erklären zu müssen, dass sein Vater lügt.
Für ihn.

Erspart euch das. Es bleibt lange kleben, bei beiden.

Ich musste schon grinsen, als meine Schüler zur Ferien-Demo gegangen sind: "Wir lassen uns die fünf schulautonomen Feiertage nicht stehlen!"

Die Lehrer wollten fünf zusätzliche Unterrichtstage schaffen. Schließlich war mehr Zeit bei und mit den Schülern politisch eingefordert worden.

OK, jetzt haben wir zwei freie "Zwickeltage" und drei Tage Schule ohne Schüler. Die Demo für Freizeit hatte Erfolg.

Also demonstrieren sie weiter. Mit modernen Medien und modernen Mitteln, mit Facebook: "Wir haben ein Recht auf öffentliches Saufen!"
Formulieren wir es freundlich:
"Das MQ soll ein Ort der kulturrellen Freiheit bleiben."
*grins*

Ich lese die Gratiszeitungen, höre die Lokalpolitiker und wundere mich über zustimmende Kommentare und Erfolgsmeldungen: "Gäste dürfen weiter saufen." Wir erlauben es, wir verlangen es, wir fördern es.
HALLO?!

Meine Schüler fahren mit Paletten an Billigbier ins MQ.
Freizeitsaufen. Ja, das ist cool.

Alkohol ist eine Droge.
Alkohol schadet der Gesundheit.
Alkohol führt zu Gewalt.

Das ist uncool.

P.S.: Ein Kollege fährt mit keinen Klassen mehr nach Paris, weil die Schüler ihr Recht aufs Saufen auch auf Exkursionen einfordern. Grölend, speibend, grauslich.

Ich werfe eine komplexe Frage ins Klassenzimmer der Dreizehnjährigen. Alle denken nach - herrlich - aber es kommt keine Antwort.

Dann zieht Melanie die Hand ihrer Nachbarin Stephanie in die Luft.
"Was ist los?", frage ich verwundert.
"Die Steffi will drankommen, aber nicht mehr aufzeigen."
Ich kenne mich nicht aus: "Wie?"
"Die Steffi ist beleidigt", bringt es Melanie auf den Punkt, "weil Sie sie nicht beachtet haben."
Ich lasse meinen ganzen Charme spielen, will Steffis Antwort rauskitzeln.
Aber die schlaue Steffi zeigt mir die kalte Schulter.
Liebesentzug.

Sie kennen das? Sie haben mit Ihrer Tochter geschimpft, weil sie ihr Zimmer nicht zusammengeräumt hat? Das kleine Fräulein durfte nicht zur Party gehen? Sie sperrt sich in ihr Zimmer ein? Schweigt beim Abendessen?
Liebesentzug!

Tina ist aus einem härteren Holz geschnitzt. Sie tratscht - erste Ermahnung, sie plaudert weiter - zweite Mahnung, sie dreht sich zum Hintermann ... und ich greife ein:
"Jetzt reichts mir, Tina!"
"Immer ich. Sie gehen immer auf mich los!"
"Ja. Weil Du uns störst!"
Sie starrt mir verbittert ins Gesicht und sagt kein Wort mehr.
Liebesentzug.


Ich mag diese Klasse: 27 Kinder, 18 Mädchen, lauter Individuen. Sie sind kommunikativ, leistungsstark, humorvoll ... und emotionell. Von verspielt-kindlich bis weiblich-kokett ist alles da. 18 Töchter und jede anders.

Sie mögen mich - eine Zuneigung, die man täglich neu absichern muss. Schließlich geht es um die besten Voraussetzungen für gemeinsame Fortschritte. Jede Stunde wird zur Gratwanderung zwischen Sympathie und Erziehung, zwischen Spaß und Arbeit.
Das kostet sehr viel Kraft, ich spüre das nach jeder Stunde.

Es wäre einfacher, meinen Stoff vorzutragen, im Buch zu unterstreichen, alles abzuprüfen und in die nächste Klasse zu marschieren.

P.S.: Burschen spielen andere Spiele.

Wenn Lehrer in der Freizeit zusammenkommen, stellen sie sich automatisch in Dienst. Ständig reden sie von der Schule, selbst bei Bier und Brot. (Nichtlehrern geht das ziemlich auf den Nerv.)

"Können wir die nächste Schularbeit gemeinsam machen?"
"Wahrscheinlich nicht, ich habe das 4. Kapitel noch nicht beendet."

"Habt Ihr gehört, was die 3 B aufgeführt hat?"
"Nein, was?"
"Die haben sich geweigert, in einer Ersatzstunde die Mathematiksachen herauszugeben."
"Naja, die stecken mitten in der Pubertät."

Da schaltet sich die Französischassistentin ein.
"Pubertät, was ist das?"
"C'est la puberté ..."
"Ja, schon, aber was hat das zu tun mit die Arbeit in die Klasse?"

Daraus entwickelt sich ein interessantes Gespräch. Pubertät, das ist ein biologisches Phänomen: Hormone, Geschlechtsreifung, Fortpflanzungsfähigkeit. Die Französin denkt an körperliche Merkmale, die sich verändern.
Die österreichische Lehrerschaft hat ganz andere Assoziationen entwickelt: Pubertät als sozialpädagogisches Phänomen. Kinder, die nicht mehr zu bändigen sind.

"In Frankreich das habe ich nie gehört. Ihr entschuldigt schlechtes Benehmen schon ... wie sagt man 'en avance'?"
"Im Vorhinein."
"Warum das ist so bei eusch?"

Da müssen wir nachdenken. Das haben wir noch nie hinterfragt. Wir dachten wohl, das wäre weltweit verbreitet und akzeptiert, dass Kinder im schwierigen Alter von 12 - 14 Jahren rebellieren müssen. Und schlechtes Benehmen deswegen zu entschuldigen ist.

"Vielleicht kommt das von Freud? Bei uns kommt ja praktisch jeder als Psychologe zur Welt!"

Frage an die Leser: Habt Ihr vergleichbare Erfahrungen in anderen Ländern gemacht? Ist Pubertät eine hinreichende Entschuldigung für Fehlverhalten?

Letzten Sonntag habe ich Wichtiges dazugelernt: Ich liebe Grantiniertes, aber Fisch und Käse sollte ich nicht gemeinsam essen. Meine Tischgenossen berichten von medial inszenierten Eingebungen einer Superdiät, deren Namen ich sofort wieder vergessen habe, aber die „eh alle kennen“. Fleißiges Nicken in der Runde.

Blöderweise lese ich „Die Presse“ und am Wochenende die „FAZ“, weswegen ich nie am letzten Stand bin. (Und ich brauche keine Diät.)

Auch meine SchülerInnen halten mich für einen ungebildeten Eremiten, weil ich ihre Sternchen aus „Bravo“ nicht kenne, weil ich die letzte Folge von „Sex and the City“ versäumt habe und auch die Modelmaße von Heidis Superstars nicht wissen will. Banause.

Der ORF und ich haben also vergleichbare Probleme:
1. Geldsorgen mit Sparzwängen
2. Krisenstimmung mit Panikattacken
3. Einen Bildungsauftrag!

Wenn wir, der ORF und ich, Schulsendungen, Theateraufführungen oder Sprachkurse anbieten, zappen alle weg. Wenn ich plaudere wie Barbara Karlich, herumblödle wie Alfred Dorfer oder Liebesgeschichten vom Karibikstrand erzähle, dann bin ich der Star der Stunde.

P.S.: Ich möchte soooo gerne Paris Hilton einladen (zum Englisch lernen, oder Französisch).

Lehrer kassieren mehr als 180 Mio für Überstunden.

Wird wahrscheinlich stimmen. In meiner Schule gibt es praktisch keine LehrerInnen, die ohne Überstunden auskommen.

"Kann ich Überstunden ablehnen?"
Eine Frage, die Direktor und Administrator oft und oft mit einem klaren "Nein" beantworten mussten. "Könnt ihr nicht. Geht nicht!"

Ich alleine habe im vergangenen Schuljahr rund 15 Überstunden pro Monat gehalten. Bezahlt, aber unfreiwillig. Schon im Oktober bin ich mit meinem Anliegen in die Direktion gepilgert: "Könnt ihr bitte einen Ersatzlehrer auftreiben? Mir wird das zu viel."
"Wir werden es versuchen."

Sie haben keinen gefunden. Es gibt keine. PraktikantInnen und Studierende wurden angesprochen, ob sie Klassen übernehmen wollen, alle Reserven wurden mobil gemacht. Niemand.

Wir haben zu wenig Lehrer, weil in den letzen Jahren massiv davon abgeraten wurde, Lehramt zu studieren. Direkt (in Werbefoldern des Unterrichtsministeriums!) und indirekt (über gehässige Medienberichte).

Wir müssen diese Überstunden machen. Warum wirft man uns das Versagen der Behörden vor?

Es ist 14.15 Uhr, ich habe fünf Stunden in den Klassen verbracht, ich bin heiser, habe Hunger und ... bleibe trotzdem gerne in der Schule. Unser Sozialraum hat in den letzten Wochen erstaunliche Attraktivität entwickelt. Es gibt keine neuen Möbel, kein Gratis-Buffet und auch kein buntes Unterhaltungsprogramm - es gibt bloß Lehrer(innen), die sich rund um den Kaffeeautomaten zum Gespräch versammeln:

"Da ist wirklich nichts herausgekommen. Zumindest nichts Gutes", sind sich alle Anwesenden einig. Von Reform keine Spur, die Einsparungen belasten die Falschen, die Schulpolitik steckt mitten im medial verbreiteten Dreck. Ministerin und Gewerkschaft führten Krieg und hinterließen nichts als Verlierer.

"Warum kann man die Schulen nicht einfach arbeiten lassen? Das hat doch die letzten Jahrzehnte gut funktioniert."
"Genau. Wir stolpern von einer Reform zur anderen - und alles ist nur schlimmer geworden."

Ein Wunsch durchzieht den Raum: Lasst uns in Ruhe unseren Job machen. Wir haben Unterrichten gelernt und wir können das.

"Leute! Das geht nicht mehr. Die Welt hat sich total geändert - wir müssen uns anpassen", mische ich mich ein.
"Warum? Wir waren doch erfolgreich!"
"Die Gesellschaft hat sich um 180 Grad gedreht. Die Kinder haben sich verändert. Wir haben digital natives in den Klassen sitzen. Jahrelang haben wir Wissen gesammelt, aufbereitet, vermittelt. Das war unsere Stärke, das können wir gut. Wissen war Macht, der Schlüssel zu Erfolg und Karriere. Aber jetzt liegt Wissen auf der Straße, gratis im Internet. Wissen ist nichts mehr wert ..."
"Das stimmt doch nicht! Wir brauchen gut ausgebildete Fachkräfte, sonst können wir am Weltmarkt nicht mithalten."
"Ja, aber unsere Kinder ertrinken in Informationen. Fernsehen, Internet, Gratiszeitungen, Handys ... unser Lehrbuch-Wissen von vorgestern ist uninteressant geworden. Belanglos. Wir geben den Ertrinkenden Wasser!"

Da ist es ruhig geworden im Sozialraum. Draußen geht der Lärm weiter.

In der Nachbarschaft lebte ein stattlicher Mann mit einer unangenehmen Eigenschaft: Er pfiff beim Arbeiten.
Mein strenger Vater empfahl mir dabei diese Einstellung - auch unangenehme Tätigkeiten mit guter Laune zu verrichten. Ich hasste die Drecksarbeit im Garten umso mehr.

In der fünften Klasse gebe ich meinen SchülerInnen nach der einleitenden Erklärung ein paar individuelle Übungen zum Bearbeiten:
"Bitte schriftlich ins Heft, jeder für sich!"
Drill & practice.
Genauigkeit und Konzentration sind gefragt.

Dann höre ich ein lustiges Pfeifen. Akustisch ist es nicht zu lokalisieren, ich suche nach einem zugespitzten Mund. Ich hasse Pfeifen (wenn sie nicht rauchen :-), das habe ich schon erklärt.

Sollte ich es als Zeichen einer entspannten Arbeitsatmosphäre endlich akzeptieren lernen?

"Muss das sein?", gehe ich das musizierende Mädchen in der zweiten Reihe vorwurfsvoll an. Sie verstummt.

Mitteilung an meinen Vater: Pfeifen stört beim Arbeiten!

Sind gar die Chinesen schuld?

Wir sind es gewohnt, T-Shirts um 2,99 und Bohrmaschinen um 19,99 zu kaufen. Bauarbeiter aus der Ukraine und Putzfrauen aus Polen erledigen die Drecksarbeit, Inder machen die Buchhaltung, pakistanische Kinder nähen die Jeans. Heimische Banken haben auf Automaten umgestellt, wir bedienen uns an Tankstellen selbst und gekocht wird bei Unilever im Tiefkühlschrank.

Billig, billiger, am billigsten. Masse. Industrie. Anonymität.

Nur die Bildung wird nicht billiger, im Gegenteil: Keine Zulieferer aus Taiwan, keine Lehrer aus Cuba, kein Self Service im Klassenzimmer, keine Schwarzarbeiter aus Tschechien. Hier arbeiten nur akademisch gebildete, legale, sauteure, heimische Fachkräfte. Sie haben keine Bankkonten auf den Cayman-Inseln, sie zahlen Steuern in ihrem Heimatland. Wenn sie mit neuen Medien arbeiten und mit aktuellem Können aufwarten sollen, dann müssen sie noch geschult und vorbereitet werden. Teuer, teurer, am teuersten.

Können nicht ersetzt werden.
Können nicht automatisiert werden.
Können nur erpresst werden.

Deshalb müssen wir sparen. Damit wir weiter den Billigramsch aus Bangladesh importieren können, Autos aus Indien, Handys aus Shenzhen ...

Wollt ihr die Diskont-Schule?
Ja.

 

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