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cotopaxi

 
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ich bin beeindruckt.

Der Lehrerfreund hat über 70 Lehrerblogs zusammengestellt und die zehn besten herausgefiltert. Ein Mörderaufwand, den man anerkennen und wie eine Goldmine nutzen sollte. Also klicke ich mich von einem Blog zum anderen und sehe brillante Ergebnisse:

Wirklich nützliche Inhalte.
Wirklich schöne Layouts.
Wirklich gute Ideen.

Auch mein bescheidener Netzauftritt wurde nominiert. Sofort überkommt mich das Gefühl, in dieser digitalen Profi-Liga nicht mithalten zu können. Ich schreibe bloß meine Gedanken auf, ich blogge meinen Frust ab, ich lade zum Diskutieren ein.

Dieses/r Blog ist nicht mein Blog, es ist unserer. Es lebt von den Lesern und Schreibern, von den Menschen, die mitreden. Das ist Web 2.0, es verbindet über Grenzen und Zeiten hinweg, schafft neue Kommunikationsmöglichkeiten. Ich liebe dieses Fenster in die Öffentlichkeit und ich mag es, wenn jemand einsteigt. Ich möchte die Schule (und deren Krise) durchschaubar (und verständlich) machen und allen Interessierten eine faire Chance geben, mitzureden. Vielleicht ist dieser/s Blog hier keine Goldmine für schulische Entfaltung, aber ein offener Steinbruch an Gelegenheiten. Nutzen wir beides.

Zwei LehrerInnen kommen aus Marokko zurück. Zwei Wochen waren sie mit 25 SchülerInnen zwischen Marrakesch und Agadir unterwegs: Geographie, Biologie und Französisch in der Praxis. Sie haben Monate vorbereitet, eine Woche ihrer Ferien dafür geopfert und sogar den Flug selbst bezahlt.

"Schön blöd", hören sie von verschiedenen Seiten.
"Riskant. Wenn da was passiert!"
"14 Tage Verantwortung rund um die Uhr, das zehrt."

Letzte Woche fand die Präsentation des Exkursionsberichtes statt: Viel Applaus im Festsaal, die Jugendlichen (16-17 Jahre), präsentieren Fotos, Texte und Erinnerungen. Gute Stimmung, stolze Eltern, beeindruckte Gäste.

"Ich war erschreckt, was wir da korrigieren mussten", erzählt mir eine externe Mitarbeiterin, "die Schülerberichte waren kaum zu gebrauchen. So viele Rechtschreibfehler, unzusammenhängende Sätze, unscharfe Bilder..."

Die Realität vieler Projekte: Damit wir die Ergebnisse herzeigen können, ohne uns dafür zu genieren, schreiben wir den Großteil letztlich selbst. Schülerprojekte sind Lehrerprojekte mit Kindererschwernis. Das verschweigen alle Pädagogen rücksichtsvoll, beschämt und dezent. Auch verlogen.

Dabei kennt das jeder, der selbst mit Kindern bastelt, bäckt oder werkt. Die Ergebnisse werden so gut wie die Arbeit der Betreuer. Die Kinder freuen sich, werden gelobt und ernten die Lorbeeren. Die Lehrer tragen die Verantwortung, machen den Großteil der Arbeit und verschenken ihre Erfolge, sie müssen nur für Fehler und Kritik gerade stehen.

Das ist die Motivationstragik des Lehrberufes: Den Erfolg kassieren die Kinder, den Misserfolg die Betreuer. Den schönen Exkursionsbericht haben die SchülerInnen gemacht, die schlechten PISA-Ergebnisse verschulden die Lehrer. Könnte es nicht umgekehrt sein?

Burnout. Depression. Frust. Demotivation. Ein Erklärungsansatz und eine Falle, aus der wir herausmüssen.

Die Ausschreibung ist zu Ende gegangen, jetzt werden die Kostenvoranschläge nachverhandelt. Der Chef einer Installationsfirma spricht beim Unternehmer persönlich vor, schließlich will er in der Krise auf diesen Großauftrag nicht verzichten.

"Ihr Offert passt ja im Großen und Ganzen, aber bei den Arbeitskosten müssen wir noch runter."
"Da haben wir absolut keinen Spielraum mehr ... die Spezialisten haben ihren Preis!"
"Wir denken so an 8 - 10 % Nachlass, dann könnten sie mithalten."
"Wir haben so knapp kalkuliert, da bleiben nöchstens 3 % Skonto für Anzahlungen über."
"Ach, lassen Sie die Mitarbeiter am Freitag länger auf der Baustelle - zwei Stunden gehen sogar bei den Lehrern!"

Kein Witz, so ist das gelaufen.

"... nachdem sie unfähig sind, meine Tochter ordentlich zu motivieren."

Eine offensichtlich sehr motivierte Mutter läßt einer Deutschkollegin über das Mitteilungsheft ihrer Tochter ausrichten, dass sie "unfähig" ist und fixiert gleich einen Termin, um die "Unfähige" in einem klärenden Gespräch aufzumischen.

Hochachtungsvoll ...



" ... muss ich schon sagen, dass Sie nicht nur ein schlechter Lehrer, sondern auch ein schlechter Mensch sind", kreischt eine andere Mutter ins Telefon, nachdem der Englischlehrer es gewagt hat, um eine Vorsprache zu bitten, weil die Leistungen des Sohnes in der Fremdsprache stark abgefallen, die Störungen im Unterricht hingegen indirekt proportional dazu angestiegen sind. "Und, damit das klar ist, ich bin die einzige, die mit meinem Sohn schreien darf", fügt sie hinzu, "sonst beschwere ich mich beim Landesschulrat!"

Grußloses Ende




In diesen Tagen spürt man, wie sehr die Öffentlichkeit gegen die Schule bzw. ihre (an)greifbaren Vertreter aufgebracht ist. Gerade die schwierigsten Eltern fühlen sich von primitiven Boulevardberichten bestätigt, dass Lehrer(innen) ein unfähiges, faules, aufsässiges Pack sind, denen man ordentlich die Meinung sagen muss.

Nette Stimmung, momentan. So geladen gehen wir auch in die Klassen ... und - Gott sei Dank(!) - in die Ferien.

Schöne Ostern.

"Inhalte oder Methoden unterrichten", das war der Anlass.

"Unsere Schüler sollten doch lernen, wie man einen Lebenslauf schreibt!", meint eine Englisch-Kollegin kämpferisch.
"Im Gegenteil, sie dürfen nicht", gebe ich Kontra.

Gerald, ein ehemaliger Schüler will sich für ein Auslandspraktikum bewerben und fragt über Facebook an, wo er dafür Tipps und Vorlagen im Netz finden kann. Für mich ein Handgriff, vier Links wandern durchs Netz: know-where and social software.

"Schau", erkläre ich der überraschten Kollegin, "wenn Gerald jetzt ein fremdsprachiges Bewerbungsschreiben selbständig verfasst, dann wird er garantiert Fehler machen. Er wird im alten Schulbuchstil irgend einen 08/15-Brief schreiben und gegen professionell gestaltete und gelayoutete Konkurrenten verlieren."

Die Kollegin hört zweifelnd zu.

"Deshalb sucht er im Netz die passenden Vorlagen, setzt seine Daten ein ... er wird ein perfektes Ergebnis abschicken und die Stelle bekommen."
"Dafür muss er aber gut ausgebildet sein ..."
"Ja. Was zählt, ist aber nicht das Schreiben, also der Inhalt, sondern das Suchen, das Auswählen, das Anpassen. Das sind Methoden - statt Inhalte."

Es gefällt uns nicht, dass "copy & paste" die Sieger kürt. Es ist das wahre Problem des traditionellen Unterrichts: Das Internet weiß alles schneller, besser und billiger - wozu noch lernen? Das geht so langsam, ist so mittelmäßig und unglaublich aufwändig. Also wozu?

Mit der Diskussion über die Arbeitszeitverlängerung für Lehrer interessieren sich die Medien für unsere Arbeitsverhältnisse. Also kommen Journalisten, Fotografen und Kameraleute in die Klassen ... und suchen Bestätigung für ihre Annahmen.

Das Filmteam marschiert über den Gang und will die Schulatmosphäre festhalten. Die lustigen Kids schießen mit Staniolpapierln auf sie, sie schreien und wieseln herum und ... sind einfach Kids. Das gedrehte Material ist unbrauchbar, die Szene wird am Nachmittag nachgestellt, mit einer Lehrperson, die in Ruhe in die Klasse geht.

Das Filmteam macht Interviews mit SchülerInnen. Diese berichten aus ihrem Alltag, freuen sich über ihren Beitrag ... und werden rausgeschnitten. Ihre Meldungen passen nichts ins Vorurteil, sie erzählen von Spaß mit ihren Freunden, von netten Lehrerinnen und einer coolen Zeit. Wo bleibt da das "Feindbild Lehrer", verdammt! Mistkübel.

Das Filmteam zoomt ins überquellende Lehrerzimmer. Bücher und Hefte türmen sich auf viel zu engen Holztischen, die Gänge sind verstopft, die Hektik alles andere als telegen. Wieder muss am Nachmittag nachgedreht werden, weil die blöde Realität fürs Fernsehen nicht taugt.

Am Abend schauen wir uns die Sendung an: Alles gestellt, alles verstellt, alles aufbereitet. Wir sehen nicht das Leben einer Schule, sondern das bestätigte Vorurteil von Journalisten über eine Schule, die geändert gehört.

Meinungsmache statt Recherche. Entertainment statt Information.

Auf dem Lehrertisch liegt einsam und verlassen ein Handy.
Ich halte es in die Klasse und frage: "Wem gehört das?"

Sooo bekommt man Aufmerksamkeit unter den Zwölfjährigen! Sie kramen nervös in ihren Taschen und zeigen erleichtert ihre technische Überlegenheit: "Je cooler, desto I-Phone" (fasse ich meinen ersten Eindruck zusammen). Die Schlaueren brauchen diesen Protz nicht wirklich.

"Sie haben kein Handy?", erregt sich eines der Mädchen, als würde ich an einer unheilbarer Stoffwechselkrankheit leiden.

"Im Normalfall brauche ich keines. Es liegt seit 14 Tagen am Computer, der Akku ist leer ... und überhaupt: Ich mag nicht an der langen Leine hängen."

"Dann sind Sie ein MOF!", schließt das Mädchen.
"Ein was?"
"Ein MOF - Mensch ohne Freunde."
"Nee. Bloß ein MOH ... Mensch ohne Handy."

"Ich will so werden wie mein Ruf."

Eine Kollegin hat den Spruch locker witzig über den Schreibtisch geworfen. Seither geht er mir nicht mehr aus dem Sinn:

"Ich will so werden wie mein Ruf."

Wenn Lehrer beginnen so zu denken und den Spruch allmählich auch umsetzen, dann verspreche ich euch einen nie gesehenen Niedergang des Bildungssystems.

Gute Nacht.

Ich schaue in ihre Augen und denke: "Ein Wahnsinn."
Diese Frau ist so fertig wie ihre Klasse. Die Ringe um ihre Augen tragen das gleiche Schwarz wie die Seelen einiger Kinder.

"Ich möchte ja nicht um Geschenke betteln, aber kannst Du zwei Augen zudrücken", fragt sie die Physikkollegin, die den letzten Test richtig hart benotete.

"Die Kathi kommt in der Früh nicht aus dem Bett heraus. Nach der Scheidung musste sie zum Papa ziehen, seitdem ist es aus mit ihr. Tiefste Depressionen."

"Die Aisha verbringt mehr Zeit am Gericht als in der Schule, weil sie für ihre Mutter dolmetschen muss. Der Papa ist verschwunden, sie kämpfen um die Alimente."

"Die Sarah kümmert sich um zwei kleine Geschwister, Ihre Mutter versinkt im Alkohol."

Die Frau Klassenvorstand mit den dunklen Augenringen ist nicht zu stoppen. Sie kennt alle desolaten Biographien der Klasse und bittet um Nachsicht für ihre SchülerInnen. Eigentlich müsste ich ihr sagen: "Mensch, du musst dich distanzieren lernen, sonst machst du dich komplett fertig." Aber dann haben die Kinder niemanden mehr.

In der nächsten Pause läuft mir ein anderes Mädchen aus der selben Klasse nach: "Können Sie mir ein Buch empfehlen, das gut ausgeht?"
"Wie meinst du das?"
"Überall Krise, Umweltverschmutzung, Katastrophen, Kriege ... ich möchte irgendwas Hoffnungsvolles."
Ich denke kurz nach und schüttle den Kopf:
"Aber wenn Du was findest, gib mir bitte Bescheid."

"Wir brauchen einen Dreier. Was werden Sie tun?"
Mit diesen Worten steht eine Mutter vor der Deutschlehrerin und erklärt ihre Lage: Ihr Sohn hat sich um eine Lehrstelle beworben, aber das Nicht genügend in der Muttersprache kann der Arbeitgeber nicht akzeptieren.

Die Kollegin versteht den Wunsch, muss aber den Tatsachen ins Auge schauen: "Da muss sich ihr Sohn richtig ins Zeug legen. Schauen Sie sich die Grammatikfehler an. Da heißt es üben, üben, üben. Zuerst sollte er alle versäumten Hausübungen abgeben, dann ..."

Das meinte die Mutter nicht. Sie fragt noch einmal: "Was werden SIE tun?"
"Ich? Ich übe, ich korrigiere, ich ..."
"Ja," zeigt sich die Mutter genervt, "das ist ihre Arbeit. Aber wir brauchen einen Dreier. Was tun sie dafür?"

Liebe Eltern, ihr braucht nur bestellen: Gute Noten für alle. Interessiert?
Wir machen das.

 

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