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cotopaxi

 
Eines unserer schulischen Hauptprobleme besteht darin, dass Jugendliche - nicht anders als Erwachsene oder Unternehmen - intuitiv nach dem ökonomischen Prinzip vorgehen. Sie sehen im Unterricht keine persönliche Bereicherung sondern eine Arbeit, bei der sie mit minimalem Aufwand ihre Ziele erreichen wollen.

Das streiten die meisten SchülerInnen gar nicht ab.

Ich lege es offen und knüpfe eine Frage daran:

"Könnt ihr mir ein Beispiel für das Minimalprinzip aus unserem Wirtschaftsleben geben?"
"Der Kik."
"Genau. Die verkaufen T-Shirts um zwei Euro - dafür müssen alle Aufwendungen auf das Minimum reduziert werden ... die billigsten Rohstoffe, die günstigsten Standorte, minimaler Service ... wo sonst wird noch gespart?"
"Beim Design ... beim Personal ... überall."

"OK. Und ein Beispiel für das Gegenteil, das Maximalprinzip?"
"Rolex, oder?"
"Gut. Die stellen mit extrem hohen Aufwand tolle Dinge her. Im wesentlichen die gleichen Produkte wie Swatch - Uhren."
"Ja, aber sauteure!"

Keiner steht auf Billigklamotten, aber das Beispiel "Swatch" bereue ich schon nach fünf Sekunden. Ich lenke schnell ab:

"Und wie schaut es mit euch in der Schule aus? Seid ihr bereit für hohen Aufwand, damit ihr beste Ergebnisse erzielt?"

Es bleibt ruhig in der Klasse.
Ich fürchte, der Vergleich mit "Swatch" wird hängenbleiben: Cool und mit minimalem Aufwand richtig Geld machen.
Minimalprinzip ist geil.

Ich habe mir ins Knie geschossen, oder?

Sam kommt aus der ostafrikanischen Oberschicht und hat als Vater eine klare Meinung zur Erziehung: "The buttock is the correction point."
Er hat - wie alle Mitglieder seiner Großfamilie und seiner Nachbarschaft - die Pflicht, die Kinder zu korrigieren. Das bedeutet für ihn, dass auch die Lehrer die Pflicht (nicht bloß das Recht) haben, Kinder zu schlagen, wenn sie falsche Dinge tun. Es geht um die ganze Gesellschaft, jeder hat sich als Teil der Gemeinschaft an deren Regeln zu halten: "The buttock belongs to the government."

Meinen Einwänden, dass unsere Lehrer - ebenso wie die Eltern - keinesfalls das Recht haben, andere zu schlagen, schon gar nicht wehrlose Kinder, entgegnet er mit einem müden Lächeln: "Yes, I know - you make hooligans!" Er kennt die Geschichten von betrunkenen, stänkernden, randalierenden, prügelnden Jugendlichen aus den europäischen Medien.

Die Summe der Gewalt ist konstant. Wenn die Erwachsenen ihre Macht aus der Hand geben, dann übernehmen die Kinder sie. Das ist unverantwortlich, das führt zu Chaos und Gewalt, meint er.

Wie erkläre ich mir den Erfolg der "Mutter des Erfolgs"? Die Yale-Professorin Amy Chua hat ihre chinesischen Erziehungsvorstellungen in eine fremde, westliche Welt getragen und dort eine Welle des Schocks ausgelöst. Der hochgelobte Drill zum Gehorsam gehört in asiatischen Kulturen zum pädagogischen Alltag, im Westen kann man damit Erfolg, aber keine Anerkennung gewinnen.

Mein persönlicher Schluss aus Sam und Amys Erziehungscredo ist deprimierend: Gibt es keine pädagogischen Grundgesetze?

Offensichtlich nicht.

Pädagogik gleicht einem Religionsgebäude, das Tabus und Gebote erzeugt, aber unfähig ist, Handlungsregeln aufzustellen, die über alle Kulturen und Zeiten Gültigkeit besitzen.

Pädagogik ist Religion, keine Wissenschaft.
Wir tun, was wir glauben, nicht, was wir wissen. Und alle glauben zu wissen.

Aber nur wir haben Recht, schließlich sind wir die fortschrittlichen Europäer.

 

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