Ich habe noch keinen erwischt. Keinen Schüler, der freiwillig in einem Schulbuch geschmöckert hätte.
Ich war damals anders: Ich las im Physikbuch, blätterte durchs Biologiewerk und stöberte im Atlas herum. Wir hatten keinen Fernseher zuhause, Internet war noch nicht erfunden und zum Telefon griff ich nur im Bedarfsfall.
Alles hat sich geändert, nur das Schulbuch nicht. Es blieb eine öde Wüste banaler Wissenshaufen. Alles Leben wurde sorgfältig entfernt, lieblose Arbeitsaufgaben dazugeschrieben und ans unwissende Volk verschenkt.
Wir versuchen es zu umgehen: Wir nehmen Sendungen aus dem Fernsehen auf (alle Copyrights missachtend), wir kopieren aus den Zeitungen und drucken, was das World Wide Web zu bieten hat: Volles Leben.
Die Schulbücher werden systematisch kastriert: Es bleiben Gutmenschentexte und Liebkindbilder mit der Aura nasser Abwaschlappen. Alles korrekt, bis es niemanden mehr interessiert - wir haben es geschafft: Jede Gewalttat entfernt, jeder Eros entsorgt, jede Auseinandersetzung bereinigt, jede Spannung beseitigt, Wirklichkeiten bis zur Unkenntlichkeit geplättet. Eine nette Parallelwelt geschaffen.
Dein Schulbuch - bei der Kastration verstorben. Ruhe in Frieden.
Stellt euch Zeitungen und Bücher, Filme und Spiele, Medien und Informationsträger, Theaterstücke und Kunstevents vor, nachdem sie durch diese schulische Zensur gegangen sind. Das Leben ohne Leben.
Kastriert. Saftlos. Schule. Wie wir sie wollen?
Ich war damals anders: Ich las im Physikbuch, blätterte durchs Biologiewerk und stöberte im Atlas herum. Wir hatten keinen Fernseher zuhause, Internet war noch nicht erfunden und zum Telefon griff ich nur im Bedarfsfall.
Alles hat sich geändert, nur das Schulbuch nicht. Es blieb eine öde Wüste banaler Wissenshaufen. Alles Leben wurde sorgfältig entfernt, lieblose Arbeitsaufgaben dazugeschrieben und ans unwissende Volk verschenkt.
Wir versuchen es zu umgehen: Wir nehmen Sendungen aus dem Fernsehen auf (alle Copyrights missachtend), wir kopieren aus den Zeitungen und drucken, was das World Wide Web zu bieten hat: Volles Leben.
Die Schulbücher werden systematisch kastriert: Es bleiben Gutmenschentexte und Liebkindbilder mit der Aura nasser Abwaschlappen. Alles korrekt, bis es niemanden mehr interessiert - wir haben es geschafft: Jede Gewalttat entfernt, jeder Eros entsorgt, jede Auseinandersetzung bereinigt, jede Spannung beseitigt, Wirklichkeiten bis zur Unkenntlichkeit geplättet. Eine nette Parallelwelt geschaffen.
Dein Schulbuch - bei der Kastration verstorben. Ruhe in Frieden.
Stellt euch Zeitungen und Bücher, Filme und Spiele, Medien und Informationsträger, Theaterstücke und Kunstevents vor, nachdem sie durch diese schulische Zensur gegangen sind. Das Leben ohne Leben.
Kastriert. Saftlos. Schule. Wie wir sie wollen?
teacher - am Donnerstag, 5. Februar 2009, 10:42
"Mögen Sie SpongeBob?", fragen mich die Kleinen (12-13 Jahre).
"Ich hasse ihn!"
Ein Mädchen beginnt unbeeindruckt irgendwelche geheimnisvollen Phrasen zu intonieren und die halbe Klasse antwortet begeistert:
"Spoooonge Boooob!"
Das Spiel wird heftig, die eine singt ein, die anderen schreien laut hinterher:
"Spooooonge Bob!"
Der nächste Schritt wäre eine Welle durchs Klassenzimmer, der übernächste eine mittlere Revolution im Haus. Also stimme ich zu: "OK. Wir schauen ein Episode. EINE."
Die DVD läuft und ich verstehe sofort, was die Klasse so begeistert gesungen hat - die Einleitung (das Intro) zu jeder SpongeBob-Sendung.
Eigentlich hab ich's gut, ich stehe vor der Klasse, das TV-Gerät hängt schräg über mir, ich muss mir das einfallslose Zeichtrickgehopse nicht anschauen. Ich beobachte meine Kinder beim Fernsehen. Erträglich, weil bezahlt.
Sie lachen dort, wo ich es vermutet habe: Eine bunte Figur klatscht gegen Beton - hihi. Eine Geldlawine schwappt über eine andere Figur - haha. Eine dritte Figur gerät unter einen Vorschlaghammer - hoho. Tote Figuren.
Ich lerne: "Gewalt ist furchtbar lustig". Alle lachen, bis auf den alten (?) Lehrer. Der hasst SpongeBob.
Meine nächste Hypothese geht nicht auf: Ich dachte, dass die Kinder nur die gezeichneten Gags verstehen würden. Nein, manchmal lachen sie auch über gesprochene Scherze. Auch an Stellen, die mir völlig verschlossen bleiben. Dort, wo ich zu schmunzeln beginne, dort verzieht niemand sonst den Mund - sie verstehen die Worte einfach nicht. Nie Gehörtes, Fremdwörter, viel zu hoch angesiedelt. So als würden Jus- und Philosophiestudenten SpongeBob gucken.
Der Pausengong erlöst mich. Die Kinder sind kurz hin- und hergerissen: Bis zum Ende weiterschauen oder in die Freiheit laufen? Zwei, drei Alphatiere übernehmen wortlos das Kommando, die Lemminge marschieren hinterher.
Diese Filmchen brauchen weder eine geschlossene Handlung noch ein logisches Ende, sie leben vom platten, schnellen Witz. Politisch korrekt ist anderswo.
"Fernsehen macht dumm, dick und aggressiv."
"Ich stimme Ihnen zu, Herr Spitzer."
"Ich hasse ihn!"
Ein Mädchen beginnt unbeeindruckt irgendwelche geheimnisvollen Phrasen zu intonieren und die halbe Klasse antwortet begeistert:
"Spoooonge Boooob!"
Das Spiel wird heftig, die eine singt ein, die anderen schreien laut hinterher:
"Spooooonge Bob!"
Der nächste Schritt wäre eine Welle durchs Klassenzimmer, der übernächste eine mittlere Revolution im Haus. Also stimme ich zu: "OK. Wir schauen ein Episode. EINE."
Die DVD läuft und ich verstehe sofort, was die Klasse so begeistert gesungen hat - die Einleitung (das Intro) zu jeder SpongeBob-Sendung.
Eigentlich hab ich's gut, ich stehe vor der Klasse, das TV-Gerät hängt schräg über mir, ich muss mir das einfallslose Zeichtrickgehopse nicht anschauen. Ich beobachte meine Kinder beim Fernsehen. Erträglich, weil bezahlt.
Sie lachen dort, wo ich es vermutet habe: Eine bunte Figur klatscht gegen Beton - hihi. Eine Geldlawine schwappt über eine andere Figur - haha. Eine dritte Figur gerät unter einen Vorschlaghammer - hoho. Tote Figuren.
Ich lerne: "Gewalt ist furchtbar lustig". Alle lachen, bis auf den alten (?) Lehrer. Der hasst SpongeBob.
Meine nächste Hypothese geht nicht auf: Ich dachte, dass die Kinder nur die gezeichneten Gags verstehen würden. Nein, manchmal lachen sie auch über gesprochene Scherze. Auch an Stellen, die mir völlig verschlossen bleiben. Dort, wo ich zu schmunzeln beginne, dort verzieht niemand sonst den Mund - sie verstehen die Worte einfach nicht. Nie Gehörtes, Fremdwörter, viel zu hoch angesiedelt. So als würden Jus- und Philosophiestudenten SpongeBob gucken.
Der Pausengong erlöst mich. Die Kinder sind kurz hin- und hergerissen: Bis zum Ende weiterschauen oder in die Freiheit laufen? Zwei, drei Alphatiere übernehmen wortlos das Kommando, die Lemminge marschieren hinterher.
Diese Filmchen brauchen weder eine geschlossene Handlung noch ein logisches Ende, sie leben vom platten, schnellen Witz. Politisch korrekt ist anderswo.
"Fernsehen macht dumm, dick und aggressiv."
"Ich stimme Ihnen zu, Herr Spitzer."
teacher - am Donnerstag, 29. Januar 2009, 20:57
Am Eingang zur Lehrergarderobe staut es sich - eine stehende Mini-Verschwörung also.
Wir stecken mitten in den Studienprojekttagen. Die Schülerinnen und Schüler (16-17 Jahre alt) schwärmen an die Universitäten und Fachhochschulen aus und informieren sich selbständig über Studienmöglichkeiten der Region. Besuchen Vorlesungen, schreiben Reports dazu und erstellen für die Mitschüler Präsentationen über ihre Erfahrungen.
"Eines der besten Projekte, die wir jemals hatten", bestätigt mein eigener Sohn.
Seinen Studienwechsel konnte es auch nicht verhindern.
Die Projektleiterin ist am Boden zerstört:
"Gestern war die Hochschülerschaft im Haus. Die zwei Piepstimmen kamen gegen unsere Horden nicht an. Die haben beim Vortrag mit Papierln herumgeschossen, ungeniert gequatscht, gescherzt ... und Fragen am Ende sind ihnen auch keine eingefallen. Ich habe dann abgebrochen ..."
Es ist zum Weinen.
Eine Mitarbeiterin:
"Das passiert doch nur in Klassen, wo die Lehrer von vornherein skeptisch und dagegen sind: "In dieser Klasse? Da kommt nix heraus, die interessieren sich für nix."
Diese Lehrer fühlen sich jetzt bestätigt. "Das ist verlorene Zeit, streicht das Projekt! Meine Stunden gebe ich für solchen Radau nicht mehr her!"
Die Projektbetreiber behaupten das Gegenteil: "Solche Lehrer bringen jede Initiative um: selffulfilling prophecy."
Es ist wirklich zum Weinen.
Wir stecken mitten in den Studienprojekttagen. Die Schülerinnen und Schüler (16-17 Jahre alt) schwärmen an die Universitäten und Fachhochschulen aus und informieren sich selbständig über Studienmöglichkeiten der Region. Besuchen Vorlesungen, schreiben Reports dazu und erstellen für die Mitschüler Präsentationen über ihre Erfahrungen.
"Eines der besten Projekte, die wir jemals hatten", bestätigt mein eigener Sohn.
Seinen Studienwechsel konnte es auch nicht verhindern.
Die Projektleiterin ist am Boden zerstört:
"Gestern war die Hochschülerschaft im Haus. Die zwei Piepstimmen kamen gegen unsere Horden nicht an. Die haben beim Vortrag mit Papierln herumgeschossen, ungeniert gequatscht, gescherzt ... und Fragen am Ende sind ihnen auch keine eingefallen. Ich habe dann abgebrochen ..."
Es ist zum Weinen.
Eine Mitarbeiterin:
"Das passiert doch nur in Klassen, wo die Lehrer von vornherein skeptisch und dagegen sind: "In dieser Klasse? Da kommt nix heraus, die interessieren sich für nix."
Diese Lehrer fühlen sich jetzt bestätigt. "Das ist verlorene Zeit, streicht das Projekt! Meine Stunden gebe ich für solchen Radau nicht mehr her!"
Die Projektbetreiber behaupten das Gegenteil: "Solche Lehrer bringen jede Initiative um: selffulfilling prophecy."
Es ist wirklich zum Weinen.
teacher - am Dienstag, 27. Januar 2009, 18:45
Wir wühlen uns durch die Wirtschaftskarten des Schulatlas.
Kontrollfrage an die 12-jährigen:
"Was wird denn in einem Hüttenwerk hergestellt?"
Nachdenkpause.
"Hundehütten?"
"Neee ..."
"Skihütten?"
"Sicher ... nicht!"
"Gibts Katzenhütten?"
"NEIN!"
"Ich habs: Gartenhütten!"
"Aaaah!"
Sie geben auf:
"Sagens Sie's schon!"
"Eisen."
"Das ist fad."
Kontrollfrage an die 12-jährigen:
"Was wird denn in einem Hüttenwerk hergestellt?"
Nachdenkpause.
"Hundehütten?"
"Neee ..."
"Skihütten?"
"Sicher ... nicht!"
"Gibts Katzenhütten?"
"NEIN!"
"Ich habs: Gartenhütten!"
"Aaaah!"
Sie geben auf:
"Sagens Sie's schon!"
"Eisen."
"Das ist fad."
teacher - am Sonntag, 25. Januar 2009, 13:17
Kollegin F. kommt aus dem Schwimmbad. Das mag in den Ohren schulfremder Personen unterhaltsam bis beneidenswert klingen, jeder Sportlehrer denkt anders: Heiß-schwül, laut hallend, chlorverseucht ... und: Umziehen. Rein-Raus.
Kurz: Niemand geht gerne mit einer Horde SchülerInnen ins öffentliche Hallenbad zum Schwimmunterricht, schon gar nicht im Winter.
Dann hat wieder einer der Superkleinen seinen Kastenschlüssel verloren:
"Wie soll ich mich anziehen?"
Kollegin F. sucht im Bad den Schlüssel. Sie findet ihn und soll ihn in die Burschengarderobe bringen.
Aber, Kollegin F. betont es großzügig: "Mir grausts!"
Sie mag nicht zu den Kleiderkästen der Burschen gehen, da laufen nackte Jungmänner herum, duschen, schreien, föhnen. Ihr grausts.
Gut, Kollegin F. hat keine guten Erfahrungen mit ihrem geschiedenen Mann gemacht und ein anderer Ex hat sie mitten im Leben mit ihren Kindern stehen gelassen. Zurück blieb eine verhärmte, hysterische und männerhassende Frustfrau, sagen die betroffenen Burschen.
Jede dritte Frau hier ist geschieden.
Kurz: Niemand geht gerne mit einer Horde SchülerInnen ins öffentliche Hallenbad zum Schwimmunterricht, schon gar nicht im Winter.
Dann hat wieder einer der Superkleinen seinen Kastenschlüssel verloren:
"Wie soll ich mich anziehen?"
Kollegin F. sucht im Bad den Schlüssel. Sie findet ihn und soll ihn in die Burschengarderobe bringen.
Aber, Kollegin F. betont es großzügig: "Mir grausts!"
Sie mag nicht zu den Kleiderkästen der Burschen gehen, da laufen nackte Jungmänner herum, duschen, schreien, föhnen. Ihr grausts.
Gut, Kollegin F. hat keine guten Erfahrungen mit ihrem geschiedenen Mann gemacht und ein anderer Ex hat sie mitten im Leben mit ihren Kindern stehen gelassen. Zurück blieb eine verhärmte, hysterische und männerhassende Frustfrau, sagen die betroffenen Burschen.
Jede dritte Frau hier ist geschieden.
teacher - am Mittwoch, 21. Januar 2009, 21:16
Letzte Stunde vor den Ferien. Eine Schülerin (12) hat eine DVD mit Zeichentrickfilmen mitgenommen: "Dürfen wir schauen?"
"Klar, ist ja Weihnachten."
Es stellt sich heraus, dass der O-Ton französisch ... und auf unserem DVD-Player nicht umzustellen ist. Der Medienprofi (ja, in jeder Klasse sitzen zwei Kinder, die für die Bedienung der technischer Ausstattung zuständig sind) dreht trotzdem den Ton nicht zurück. Super-Nana: Bunte Bilder, schrill gezeichnet (Manga-Stil) und schnell geschnitten, flimmern über den Schirm. Laute Töne, schwer verständliches Französisch: zack-bumm, yeaah-boing, trara mit 85 Dezibel.
Ich wundere mich: Die Kinder lachen an den richtigen Stellen. Nach dem ersten Clip lasse ich den Plot zusammenfassen: Sie haben alles Wichtige verstanden, alle Zusammenhänge erfasst.
Wenn mir jemand den Ton im Kino klaut, verliere ich den Faden. Wenn mich jemand beim Fernsehen stört, komme ich aus der Fassung. Nicht so meine Schüler: Film ohne Ton - kein Problem.
Drehen wir die Sache um, wird's schwierig. Nur zuhören - nix verstehen. Nur lesen - schwierig. Damit haben Erwachsene kaum Probleme, schließlich sind sie mit Kassettenrekorder und Buch aufgewachsen.
Nennen wir es beim Namen: pictorial turn. Die MTV-Generation versteht Bilder besser und schneller als wir.
Was tun wir daher in der Schule? Lesen und Reden.
Ich muss lachen, an der falschen Stelle.
"Klar, ist ja Weihnachten."
Es stellt sich heraus, dass der O-Ton französisch ... und auf unserem DVD-Player nicht umzustellen ist. Der Medienprofi (ja, in jeder Klasse sitzen zwei Kinder, die für die Bedienung der technischer Ausstattung zuständig sind) dreht trotzdem den Ton nicht zurück. Super-Nana: Bunte Bilder, schrill gezeichnet (Manga-Stil) und schnell geschnitten, flimmern über den Schirm. Laute Töne, schwer verständliches Französisch: zack-bumm, yeaah-boing, trara mit 85 Dezibel.
Ich wundere mich: Die Kinder lachen an den richtigen Stellen. Nach dem ersten Clip lasse ich den Plot zusammenfassen: Sie haben alles Wichtige verstanden, alle Zusammenhänge erfasst.
Wenn mir jemand den Ton im Kino klaut, verliere ich den Faden. Wenn mich jemand beim Fernsehen stört, komme ich aus der Fassung. Nicht so meine Schüler: Film ohne Ton - kein Problem.
Drehen wir die Sache um, wird's schwierig. Nur zuhören - nix verstehen. Nur lesen - schwierig. Damit haben Erwachsene kaum Probleme, schließlich sind sie mit Kassettenrekorder und Buch aufgewachsen.
Nennen wir es beim Namen: pictorial turn. Die MTV-Generation versteht Bilder besser und schneller als wir.
Was tun wir daher in der Schule? Lesen und Reden.
Ich muss lachen, an der falschen Stelle.
teacher - am Montag, 19. Januar 2009, 08:32
Stellen Sie sich folgendes vor:
Ihr Name. Groß auf einem Blatt Papier.
Darüber eine kindliche Zeichnung: Strichmännchen.
Genauer: Zwei Strichmännchen und ein Strichfrauchen. Die Männchen stehen, das Frauchen liegt. Die Männchen sind bewaffnet, die Kugeln fliegen in Strichlinienform zu ... Ihnen, am Boden liegend. Tot. Ihr Name.
Wir hatten einen ähnlichen Fall, da war das Strichfrauchen auf einem Strick aufgehängt. Wir sahen es als böse Form schulischen Mobbings gegenüber einem Aussenseiter-Mädchen. Das Mädchen hat nachgegeben, die Eltern haben sie abgemeldet.
Jetzt steht der Name einer Lehrerin unter der Zeichnung:
"Ich habe den Burschen nichts getan. Warum bedrohen sie mich?"
Ich weiß nicht, wie ich die Kollegin beruhigen soll:
"Das steckt in den Köpfen dieser Buben, sie sehen es ständig ...", hat sie gar nicht hören wollen.
"Zuerst dachte ich, sie schreiben Liebesbrieflein, wie das bei Pubertierenden halt vorkommt ... Sie haben sich so blendend unterhalten, also habe ich ihnen die Zettel herbringen lassen. Einer hat ihn zerknüllt, der andere schnell zerrissen."
Ich weiß, dass nichts passieren wird:
"Das war doch nur Spaß", werden sie sagen.
"Das sind doch Kinder", werden die Eltern sagen.
"Was sollen wir tun?", werden alle fragen.
Was sich in unseren Köpfen verankert: SchülerInnen darf man nicht bedrohen, LehrerInnen darf man bedrohen: "Ist ja nur Spaß."
Ihr Name. Groß auf einem Blatt Papier.
Darüber eine kindliche Zeichnung: Strichmännchen.
Genauer: Zwei Strichmännchen und ein Strichfrauchen. Die Männchen stehen, das Frauchen liegt. Die Männchen sind bewaffnet, die Kugeln fliegen in Strichlinienform zu ... Ihnen, am Boden liegend. Tot. Ihr Name.
Wir hatten einen ähnlichen Fall, da war das Strichfrauchen auf einem Strick aufgehängt. Wir sahen es als böse Form schulischen Mobbings gegenüber einem Aussenseiter-Mädchen. Das Mädchen hat nachgegeben, die Eltern haben sie abgemeldet.
Jetzt steht der Name einer Lehrerin unter der Zeichnung:
"Ich habe den Burschen nichts getan. Warum bedrohen sie mich?"
Ich weiß nicht, wie ich die Kollegin beruhigen soll:
"Das steckt in den Köpfen dieser Buben, sie sehen es ständig ...", hat sie gar nicht hören wollen.
"Zuerst dachte ich, sie schreiben Liebesbrieflein, wie das bei Pubertierenden halt vorkommt ... Sie haben sich so blendend unterhalten, also habe ich ihnen die Zettel herbringen lassen. Einer hat ihn zerknüllt, der andere schnell zerrissen."
Ich weiß, dass nichts passieren wird:
"Das war doch nur Spaß", werden sie sagen.
"Das sind doch Kinder", werden die Eltern sagen.
"Was sollen wir tun?", werden alle fragen.
Was sich in unseren Köpfen verankert: SchülerInnen darf man nicht bedrohen, LehrerInnen darf man bedrohen: "Ist ja nur Spaß."
teacher - am Mittwoch, 14. Januar 2009, 20:46
Jetzt ziehen Landesschulräte wie Staubsaugervertreter um die Häuser und umwerben die Gymnasien: "Wollt ihr nicht? Mehr Geld? Mehr Lehrer? ... Neue Mittelschule!" So lernen sie demütig, was es heißt, Körbe zu kassieren und Abfuhren einzustecken.
Die Nachbarschule ist eine prononziert fortschrittliche. Die Direktorin eine geübte Sozialdemokratin. Ihre Antwort lautet NEIN zur Gesamtschule: "Wir haben ein Profil erarbeitet."
Sie lehnt jedes Jahr hunderte Kinder ab, die ihr Medien-, Kommmunikations- und Projektmanagement-Angebot konsumieren wollen, sie hat keinen Platz. "Sollen wir das aufgeben, weil wir vernachlässigten Kindern Chancengleichheit einräumen müssen?"
"Mein kleiner Bruder", sagt eine meine vorlautesten Schülerinnen, "hat endlich die richtige Schule gefunden."
"Das heißt?"
"Er ist das Gegenteil von mir. Zurückgezogen, sensibel ... Jetzt ist er in einer Klasse, wo er nicht jeden Tag kämpfen muss ... raus aus der Hölle."
"Wer ist für die Gesamtschule?", frage ich am Ende dieser Stunde.
Einer zeigt auf.
Ich bin es nicht.
"Ich weiß, dass alle Kinder die gleichen Chancen verdienen. Ich bin auch bereit dafür. Aber die Lösung heißt nicht Gesamtschule."
So werden aus Hauptschulen, nur aus Hauptschulen, Neue Mittelschulen.
"Aber es gibt doch auch Gymnasien, die umgestellt haben, oder?"
"Ja, zwei oder drei. Die hatten keine andere Chance gesehen. Zu wenig Anmeldungen, zu viel Druck, keine Alternativen."
FREIWILLIG lässt sich kein Gymnasium degradieren.
Die Nachbarschule ist eine prononziert fortschrittliche. Die Direktorin eine geübte Sozialdemokratin. Ihre Antwort lautet NEIN zur Gesamtschule: "Wir haben ein Profil erarbeitet."
Sie lehnt jedes Jahr hunderte Kinder ab, die ihr Medien-, Kommmunikations- und Projektmanagement-Angebot konsumieren wollen, sie hat keinen Platz. "Sollen wir das aufgeben, weil wir vernachlässigten Kindern Chancengleichheit einräumen müssen?"
"Mein kleiner Bruder", sagt eine meine vorlautesten Schülerinnen, "hat endlich die richtige Schule gefunden."
"Das heißt?"
"Er ist das Gegenteil von mir. Zurückgezogen, sensibel ... Jetzt ist er in einer Klasse, wo er nicht jeden Tag kämpfen muss ... raus aus der Hölle."
"Wer ist für die Gesamtschule?", frage ich am Ende dieser Stunde.
Einer zeigt auf.
Ich bin es nicht.
"Ich weiß, dass alle Kinder die gleichen Chancen verdienen. Ich bin auch bereit dafür. Aber die Lösung heißt nicht Gesamtschule."
So werden aus Hauptschulen, nur aus Hauptschulen, Neue Mittelschulen.
"Aber es gibt doch auch Gymnasien, die umgestellt haben, oder?"
"Ja, zwei oder drei. Die hatten keine andere Chance gesehen. Zu wenig Anmeldungen, zu viel Druck, keine Alternativen."
FREIWILLIG lässt sich kein Gymnasium degradieren.
teacher - am Sonntag, 11. Januar 2009, 16:58
Erst habe ich es auf der Autobahnbrücke gelesen und dann beim Fußballplatz. Mario hat es jetzt auf sein Federpennal gekritzelt:
ACAB
Groß und schwarz auf grün und Plastik.
"Sag', was heißt das eigentlich?", frage ich Mario, den zwölfjährigen Schläfer in der vorletzten Reihe. Er schaut mir unwillig in die Augen. Schlechtes Gewissen bemerke ich in seinem Gesicht.
"Ha?", stoße ich neugierig nach.
"All colours are beautiful", kommt selbstbewusst, aber ohne Überzeugungskraft aus seinem ernsten Mund.
Ich verstehe - er will es nicht sagen. Ich mache keinen Druck, ich lasse locker, das ist meine Methode. Ich gehe zu einem Mädchen in der zweiten Reihe, das sich neugierig umgedreht hat:
"Na, Melli, kannst du mich aufklären?"
"Sie wissen das nicht? ... Wirklich nicht?"
"Nein. Ich habe es schon öfters gelesen, aber ..."
"Hnnn. Das weiß doch jeder!"
Melli genießt es, den unwissenden Lehrer zappeln zu sehen.
"Na? Erklärst du mir's?"
"All cops are bastards! ... Das wussten Sie nicht?"
"Jetzt schon. Schule ist zum Lernen da."
Melli kommt am Ende der Stunde noch einmal zum Lehrertisch:
"Sie haben das wirklich nicht gewusst?!"
Sie freut sich spürbar, ihrem Lehrer ein Stück voraus gewesen zu sein.
Hat ihr richtig gut getan. Mir auch.
ACAB
Groß und schwarz auf grün und Plastik.
"Sag', was heißt das eigentlich?", frage ich Mario, den zwölfjährigen Schläfer in der vorletzten Reihe. Er schaut mir unwillig in die Augen. Schlechtes Gewissen bemerke ich in seinem Gesicht.
"Ha?", stoße ich neugierig nach.
"All colours are beautiful", kommt selbstbewusst, aber ohne Überzeugungskraft aus seinem ernsten Mund.
Ich verstehe - er will es nicht sagen. Ich mache keinen Druck, ich lasse locker, das ist meine Methode. Ich gehe zu einem Mädchen in der zweiten Reihe, das sich neugierig umgedreht hat:
"Na, Melli, kannst du mich aufklären?"
"Sie wissen das nicht? ... Wirklich nicht?"
"Nein. Ich habe es schon öfters gelesen, aber ..."
"Hnnn. Das weiß doch jeder!"
Melli genießt es, den unwissenden Lehrer zappeln zu sehen.
"Na? Erklärst du mir's?"
"All cops are bastards! ... Das wussten Sie nicht?"
"Jetzt schon. Schule ist zum Lernen da."
Melli kommt am Ende der Stunde noch einmal zum Lehrertisch:
"Sie haben das wirklich nicht gewusst?!"
Sie freut sich spürbar, ihrem Lehrer ein Stück voraus gewesen zu sein.
Hat ihr richtig gut getan. Mir auch.
teacher - am Donnerstag, 8. Januar 2009, 20:09
"Herr Professor, im Sekretariat wurde etwas für Sie abgegeben!"
Kollege Sowieso wandert hinüber und empfängt ein kleines Paket: Einen gestrickten Schal mit netten Weihnachtgrüßen von einer Schülerfamilie.
Sowieso stellt sich zwei Fragen:
1. "Warum bekomme ich einen gestrickten Schal?"
Ich sorge für romantische Weihnachststimmung: "Weil deiner so schiach ist."
2. "Und warum gibt mir das nicht der Schüler persönlich?"
Statt einer Antwort erzähle ich eine ebenso wahre Geschichte:
Kollegin Sowieso wird auf einen zappelnden Schüler in der ersten Reihe aufmerksam. Mit minimalen Gesten versucht er, das Interesse seiner Lehrerin auf den Fußboden zu lenken. Sie schaut hinunter, er schiebt mit seinem rechten Fuß ein Plastiksackerl unter den Lehrertisch und flüstert peinlich berührt: "Von meiner Mama ..."
Sowieso versteht und nimmt kommentarlos das Weihnachtsgeschenk in Empfang.
Die dritte Geschichte stammt aus der gleichen Zeit, derselben Schule, aber einer anderen Welt:
Ich wünsche am Ende der Stunde allen Kindern (und hier den LeserInnen):
"Schöne Weihnachten und ein gutes Neues Jahr."
Einige schreien zurück, andere haben schon die Colaflasche am Mund. Ein schüchternes kleines Mädchen aus Indien kommt mit einem bunt verpackten Päckchen zu mir nach vorne, strahlt mich freundlich an und überreicht mir wortlos und stolz ihr kleines Weihnachtsgeschenk.
Freude.
Kollege Sowieso wandert hinüber und empfängt ein kleines Paket: Einen gestrickten Schal mit netten Weihnachtgrüßen von einer Schülerfamilie.
Sowieso stellt sich zwei Fragen:
1. "Warum bekomme ich einen gestrickten Schal?"
Ich sorge für romantische Weihnachststimmung: "Weil deiner so schiach ist."
2. "Und warum gibt mir das nicht der Schüler persönlich?"
Statt einer Antwort erzähle ich eine ebenso wahre Geschichte:
Kollegin Sowieso wird auf einen zappelnden Schüler in der ersten Reihe aufmerksam. Mit minimalen Gesten versucht er, das Interesse seiner Lehrerin auf den Fußboden zu lenken. Sie schaut hinunter, er schiebt mit seinem rechten Fuß ein Plastiksackerl unter den Lehrertisch und flüstert peinlich berührt: "Von meiner Mama ..."
Sowieso versteht und nimmt kommentarlos das Weihnachtsgeschenk in Empfang.
Die dritte Geschichte stammt aus der gleichen Zeit, derselben Schule, aber einer anderen Welt:
Ich wünsche am Ende der Stunde allen Kindern (und hier den LeserInnen):
"Schöne Weihnachten und ein gutes Neues Jahr."
Einige schreien zurück, andere haben schon die Colaflasche am Mund. Ein schüchternes kleines Mädchen aus Indien kommt mit einem bunt verpackten Päckchen zu mir nach vorne, strahlt mich freundlich an und überreicht mir wortlos und stolz ihr kleines Weihnachtsgeschenk.
Freude.
teacher - am Mittwoch, 24. Dezember 2008, 13:36