Zwei Männer mit Krawatte, einer sehr jung und nervös, der andere très chic wie aus einem Paris-Reiseführer, sitzen nebeneinander und finden keine Zuhörer: Französischprüfung bei der mündlichen Matura!
Und die Kommission besteht aus reinrassigen Naturwissenschaftern: "No french" steht auf ihren Stirnen graviert.
Der Kandidat beginnt mit der Textarbeit.
"Il s'agit de ..."
Es geht im vorgelegten Artikel um einen Vietnamesen, der im Tempel Opfer bringt, damit er die Aufnahmeprüfung ("le concours")an die Uni schafft.
"Et toi?", fragt der Lehrer, "wie hast du dich auf die heutige Prüfung vorbereitet?"
"Moi, je ..." Er hat sich nach dem Aufstehen niedergekniet und hat gebetet.
Schade, dass hier niemand zuhört. Und niemand was versteht.
Also genau genommen, erklärt der Kandidat in flüssigem, aber nicht akzentfreiem Französisch, habe er mit seiner Ururgroßmutter ("la grand-mère de ma grand-mère") gesprochen. Er habe sie gebeten, ihm bei der mündlichen Matura beizustehen.
"Tu es bouddhiste?"
Da verzieht der Prüfling sein Gesicht und erklärt die vietnamesische Verehrung der Vorfahren, den Ahnenkult.
Er kam vor wenigen Jahren aus Saigon zu uns, lernte schnell Deutsch, schrieb eine Fachbereichsarbeit über mathematische Sonderfunktionen, spricht bei der Deutschmatura über österreichische Literaten und in Französisch über Sitten und Gebräuche seiner Heimat. Studieren will er Medizin, "um den Kranken zu helfen."
"Très bien, Monsieur."
Ausländer rein!
Und die Kommission besteht aus reinrassigen Naturwissenschaftern: "No french" steht auf ihren Stirnen graviert.
Der Kandidat beginnt mit der Textarbeit.
"Il s'agit de ..."
Es geht im vorgelegten Artikel um einen Vietnamesen, der im Tempel Opfer bringt, damit er die Aufnahmeprüfung ("le concours")an die Uni schafft.
"Et toi?", fragt der Lehrer, "wie hast du dich auf die heutige Prüfung vorbereitet?"
"Moi, je ..." Er hat sich nach dem Aufstehen niedergekniet und hat gebetet.
Schade, dass hier niemand zuhört. Und niemand was versteht.
Also genau genommen, erklärt der Kandidat in flüssigem, aber nicht akzentfreiem Französisch, habe er mit seiner Ururgroßmutter ("la grand-mère de ma grand-mère") gesprochen. Er habe sie gebeten, ihm bei der mündlichen Matura beizustehen.
"Tu es bouddhiste?"
Da verzieht der Prüfling sein Gesicht und erklärt die vietnamesische Verehrung der Vorfahren, den Ahnenkult.
Er kam vor wenigen Jahren aus Saigon zu uns, lernte schnell Deutsch, schrieb eine Fachbereichsarbeit über mathematische Sonderfunktionen, spricht bei der Deutschmatura über österreichische Literaten und in Französisch über Sitten und Gebräuche seiner Heimat. Studieren will er Medizin, "um den Kranken zu helfen."
"Très bien, Monsieur."
Ausländer rein!
teacher - am Donnerstag, 7. Juni 2007, 20:53
"Das weiß ich nicht", gilt nicht.
Wenn mir ein Schüler "Das weiß ich nicht" antwortet, dann zieht sich die Wiederholung in die Länge. Das wissen, fürchten sie.
Ich versuche die Fragen am Anfang der Stunde so zu formulieren, dass Verständnis vor Reproduktion geht. Wenn also jemand anwesend war, logisch denken kann und sich anstrengen will, dann wird er zumindestens so viel sagen können, dass ich mit "ausreichend" abschließen kann. Sagt er trotzdem nichts, dann lege ich Köder aus, ziehe ich Würmer aus der Nase, helfe auf die Sprünge. "Weiß nicht", gibts nicht!
Marco muss andere Vorlieben haben, jedenfalls kann er sich für meinen Unterricht (mein Fach? meine Person? meinen Stil?) nicht erwärmen. Drei Wiederholungen enden grottenschlecht, negativ: Nicht aufpassen, nicht mitdenken, nicht anstrengen - alle Kombinationen hat er ausgeschöpft.
"Die nächste Wiederholung darfst du nicht verhauen, sonst zwingst du mich zu handeln: Warnung, Eltern vorladen ... du kennst das ja."
Marco kapiert und reagiert: "Sie werden schon sehen!"
Offensichtlich will er mir beweisen, dass ich ihn grob unterschätze. Tu ich nicht, aber ich tu so. Ein taktisches Manöver.
Ich bereite die Wiederholungsfragen vor.
Was will ich erreichen?
Soll Marco ein Erfolgserlebnis spüren, wenn er endlich lernt?
Oder:
Soll Marco erkennen, dass monatelanges Tachinieren Konsequenzen hat?
Ich habe es in der Hand!
Ich will beides, Marco bekommt zwei Fragen:
1. Eine einfachere für eine positive Erfahrung und den positiven Jahresabschluss.
2. Ein schwierige für die Erkenntnis, dass selbst intelligente Schüler mitarbeiten und mitschreiben müssen.
Die Rechnung geht auf, es/er "funktioniert" wie geplant. Mit unsichtbaren Fäden greife ich in fremdes Leben.
Fix ist: Das Ergebnis einer Prüfung bestimmt der Lehrer. Mit seinen Fragen macht er die Note. Der Schüler spielt (nur)mit.
Oder auch nicht.
Wenn mir ein Schüler "Das weiß ich nicht" antwortet, dann zieht sich die Wiederholung in die Länge. Das wissen, fürchten sie.
Ich versuche die Fragen am Anfang der Stunde so zu formulieren, dass Verständnis vor Reproduktion geht. Wenn also jemand anwesend war, logisch denken kann und sich anstrengen will, dann wird er zumindestens so viel sagen können, dass ich mit "ausreichend" abschließen kann. Sagt er trotzdem nichts, dann lege ich Köder aus, ziehe ich Würmer aus der Nase, helfe auf die Sprünge. "Weiß nicht", gibts nicht!
Marco muss andere Vorlieben haben, jedenfalls kann er sich für meinen Unterricht (mein Fach? meine Person? meinen Stil?) nicht erwärmen. Drei Wiederholungen enden grottenschlecht, negativ: Nicht aufpassen, nicht mitdenken, nicht anstrengen - alle Kombinationen hat er ausgeschöpft.
"Die nächste Wiederholung darfst du nicht verhauen, sonst zwingst du mich zu handeln: Warnung, Eltern vorladen ... du kennst das ja."
Marco kapiert und reagiert: "Sie werden schon sehen!"
Offensichtlich will er mir beweisen, dass ich ihn grob unterschätze. Tu ich nicht, aber ich tu so. Ein taktisches Manöver.
Ich bereite die Wiederholungsfragen vor.
Was will ich erreichen?
Soll Marco ein Erfolgserlebnis spüren, wenn er endlich lernt?
Oder:
Soll Marco erkennen, dass monatelanges Tachinieren Konsequenzen hat?
Ich habe es in der Hand!
Ich will beides, Marco bekommt zwei Fragen:
1. Eine einfachere für eine positive Erfahrung und den positiven Jahresabschluss.
2. Ein schwierige für die Erkenntnis, dass selbst intelligente Schüler mitarbeiten und mitschreiben müssen.
Die Rechnung geht auf, es/er "funktioniert" wie geplant. Mit unsichtbaren Fäden greife ich in fremdes Leben.
Fix ist: Das Ergebnis einer Prüfung bestimmt der Lehrer. Mit seinen Fragen macht er die Note. Der Schüler spielt (nur)mit.
Oder auch nicht.
teacher - am Mittwoch, 6. Juni 2007, 18:57
Diese Dritte hat es in sich - eine reine Bubenklasse, kaum zu bändigen. Testosteron, das man riechen kann, nennen sie "böckeln" (kommt von Bock, wie Ziegenbock). Also dort böckelt es gewaltig, besonders nach einer ungeduschten Turnstunde. Ich darf meine Mittagspause mit ihnen verbringen.
Wir kommen zum Thema "Hooligans", seit den jüngsten Ausschreitungen im Wiener Rapid-Stadion kennt die Straße neben den Fakten auch den Begriff.
"Da hat es eine englische Familie gegeben, die hat bei Fußballspielen immer Radau gemacht, die Hooligans!", behauptet einer in der zweiten Reihe, dem alle anderen bereitwillig Glauben schenken. Typ Internetfreak mit cooler Brille, langen Haaren, groß und selbstbewusst. Opinion leader, Alphatier. Klare Sache.
"Woher hast Du das?", frage ich nach.
"Hab ich mal in der Wikipedia gelesen ... weil's mich interessiert hat", hängt er seiner Erklärung eine Entschuldigung an. Für die Fans!
Schön, denke ich, dass der Lehrer auch was lernen kann. Diese Idealvorstellung geistert doch seit Jahren durch die Bildungslandschaft: "Die Lehrer sollen mal zuhören, die können so viel profitieren von ihren Kindern!"
Zu Hause werfe ich den alten Rechner an und starte die Wikipedia:
"Der Begriff Hooligan geht auf eine irische Familie namens O‘Hoolihan zurück, die sich im 19. Jahrhundert vor allem wegen heftiger Prügeleien einen derart üblen Ruf erworben hatte, dass sie später sogar in einem Trinklied besungen wurden."
Kontrolle ist besser.
Wir kommen zum Thema "Hooligans", seit den jüngsten Ausschreitungen im Wiener Rapid-Stadion kennt die Straße neben den Fakten auch den Begriff.
"Da hat es eine englische Familie gegeben, die hat bei Fußballspielen immer Radau gemacht, die Hooligans!", behauptet einer in der zweiten Reihe, dem alle anderen bereitwillig Glauben schenken. Typ Internetfreak mit cooler Brille, langen Haaren, groß und selbstbewusst. Opinion leader, Alphatier. Klare Sache.
"Woher hast Du das?", frage ich nach.
"Hab ich mal in der Wikipedia gelesen ... weil's mich interessiert hat", hängt er seiner Erklärung eine Entschuldigung an. Für die Fans!
Schön, denke ich, dass der Lehrer auch was lernen kann. Diese Idealvorstellung geistert doch seit Jahren durch die Bildungslandschaft: "Die Lehrer sollen mal zuhören, die können so viel profitieren von ihren Kindern!"
Zu Hause werfe ich den alten Rechner an und starte die Wikipedia:
"Der Begriff Hooligan geht auf eine irische Familie namens O‘Hoolihan zurück, die sich im 19. Jahrhundert vor allem wegen heftiger Prügeleien einen derart üblen Ruf erworben hatte, dass sie später sogar in einem Trinklied besungen wurden."
Kontrolle ist besser.
teacher - am Dienstag, 5. Juni 2007, 19:59
Drei Kandidaten interessieren sich weiter, sie wollen ihre korrigierten Reifeprüfungen einsehen. Wir kramen in der Direktion die entsprechenden Mappen hervor und suchen ein ruhiges Platzerl zum Besprechen.
"Dass Sie mir da noch ein Sehr gut gegeben haben ... also das wundert mich," zuckt Melanie, eine Perle von einer Schülerin, angesichts ihrer Fehler zusammen. Sie hat ungewohnt viel Rot in ihrer Arbeit gesehen.
"Die Kandidatin versteht es ausgezeichnet, die Argumente des Textes mit ihren eigenen Erfahrungen harmonisch abzustimmen und sich authentisch und idiomatisch korrekt mitzuteilen", lese ich ihr aus meiner Notenbegründung vor.
Da muss sie herzlich auflachen: "Nicht schlecht!"
"Warum dürfen wir diese Begründungen eigentlich nicht lesen?", schaltet sich ein Mitschüler interessiert ein.
"Keine Ahnung! Aber ich darf sie euch schon bekannt geben ... nehme ich mal an."
"Und bei mir? Haben Sie da auch so tolle Sachen dazu geschrieben?"
"Na klar. Das gehört zum Spiel. Wenn ich den Vorsitzenden der Maturakommission von einer Beurteilung überzeugen will, dann muss ich tief in die akademische Zauberkiste greifen ... viel Bluff."
"Das können Sie!"
"Bisher sind alle meine Notenvorschläge akzeptiert worden."
Darauf bin ich stolz, obwohl das nur ein weiterer Beweis dafür ist, dass unsere Noten an Subjektivität nicht zu überbieten sind.
Was ich denke, aber nicht sage, nicht sagen darf:
"Melanie war immer gut, sie hat eine sehr gute Note verdient und ich gebe sie ihr auch dann, wenn sie einmal mehr Fehler als gewohnt gemacht hat. Dafür sorge ich mit meiner Begründung."
Objektiv ist was anderes.
(Vorne an einer Kamera?)
"Dass Sie mir da noch ein Sehr gut gegeben haben ... also das wundert mich," zuckt Melanie, eine Perle von einer Schülerin, angesichts ihrer Fehler zusammen. Sie hat ungewohnt viel Rot in ihrer Arbeit gesehen.
"Die Kandidatin versteht es ausgezeichnet, die Argumente des Textes mit ihren eigenen Erfahrungen harmonisch abzustimmen und sich authentisch und idiomatisch korrekt mitzuteilen", lese ich ihr aus meiner Notenbegründung vor.
Da muss sie herzlich auflachen: "Nicht schlecht!"
"Warum dürfen wir diese Begründungen eigentlich nicht lesen?", schaltet sich ein Mitschüler interessiert ein.
"Keine Ahnung! Aber ich darf sie euch schon bekannt geben ... nehme ich mal an."
"Und bei mir? Haben Sie da auch so tolle Sachen dazu geschrieben?"
"Na klar. Das gehört zum Spiel. Wenn ich den Vorsitzenden der Maturakommission von einer Beurteilung überzeugen will, dann muss ich tief in die akademische Zauberkiste greifen ... viel Bluff."
"Das können Sie!"
"Bisher sind alle meine Notenvorschläge akzeptiert worden."
Darauf bin ich stolz, obwohl das nur ein weiterer Beweis dafür ist, dass unsere Noten an Subjektivität nicht zu überbieten sind.
Was ich denke, aber nicht sage, nicht sagen darf:
"Melanie war immer gut, sie hat eine sehr gute Note verdient und ich gebe sie ihr auch dann, wenn sie einmal mehr Fehler als gewohnt gemacht hat. Dafür sorge ich mit meiner Begründung."
Objektiv ist was anderes.
(Vorne an einer Kamera?)
teacher - am Montag, 4. Juni 2007, 20:54
"Ich bin ein Br-Typ", schreibe ich an die Tafel.
"Und ihr?", wende ich mich an die Klasse.
Große Augen, verständnislose Blicke.
"So was habe ich auch schon einmal in einer Hotelbar gefragt .... erfolgreich!"
Verschmitztes Lächeln auf beiden Seiten.
Dann suchen sie eine Tabelle im Buch und wollen wissen, wovon ich überhaupt rede.
"B ... steht für Bildung, R ... für Rundreise, ich will in den Ferien vor allem Neues kennen lernen und dann damit prahlen."
So ähnlich erklären das die Touristikspezialisten.
"Ich bin ein reiner PP-Typ", widersetzt sich Claudia meinen Anweisungen, ein Mixed-Doppel zu spielen. Sie mag nur, nur "promenieren", heißt faul und untätig am Strand oder in der Wiese liegen. Sonst nix, nix.
"Und du, Christoph?"
"WL!"
"Wirkliche Lusche!", prustet die freche Claudia raus und die ganze Klasse lacht über Christoph: "Wandernde Lusche ...!"
Da muss ich bremsen.
"Nein, Claudia. So können wir nicht miteinander umgehen. Wenn Du jemanden von uns so bloß stellst, dann können wir hier nicht offen miteinander reden. Das mag ich nicht."
Sie schluckt, die Klasse wird mucksmäuschenstill.
In der Pause winke ich Claudia zu mir. Sie legt nur widerwillig ihr Handy zur Seite und haucht einen letzten Satz in den Äther: "Ich muss zum ... Lehrer!"
"Claudia? Hast Du mich verstanden?"
"Nein," schüttelt sie den Kopf.
Diese Antwort erwarte ich nicht, wenn ich jemanden in der Pause zur Rede stelle. Die meisten sagen schnell "Jaja" und verschwinden heilfroh ins Gewurle.
"Sie haben sich doch auch lustig gemacht über die Österreicher," schießt Claudia zurück.
Ich verstehe nicht gleich.
"Sie haben doch gesagt, dass die Österreicher WP-Typen sind, Wp wie Wappler."
Ich gestehe. Claudia hat mich ertappt. Den häufigen Typ Wanderer-Promenierer habe ich, zur Auflockerung und mnemotechnischen Festigung, abfällig zum WaPler erklärt. Keine nette Bezeichnung.
"Ich gelobe Besserung. Du auch?"
Breites Grinsen auf beiden Seiten.
P.S.: Ich muss Claudia noch erklären, dass es einen Unterschied macht, ob ich über eine anonyme Masse (zu der ich obendrein selbst gehöre) herziehe oder über einen anwesenden Mitschüler. Nächste Stunde: Nicht vergessen!
"Und ihr?", wende ich mich an die Klasse.
Große Augen, verständnislose Blicke.
"So was habe ich auch schon einmal in einer Hotelbar gefragt .... erfolgreich!"
Verschmitztes Lächeln auf beiden Seiten.
Dann suchen sie eine Tabelle im Buch und wollen wissen, wovon ich überhaupt rede.
"B ... steht für Bildung, R ... für Rundreise, ich will in den Ferien vor allem Neues kennen lernen und dann damit prahlen."
So ähnlich erklären das die Touristikspezialisten.
"Ich bin ein reiner PP-Typ", widersetzt sich Claudia meinen Anweisungen, ein Mixed-Doppel zu spielen. Sie mag nur, nur "promenieren", heißt faul und untätig am Strand oder in der Wiese liegen. Sonst nix, nix.
"Und du, Christoph?"
"WL!"
"Wirkliche Lusche!", prustet die freche Claudia raus und die ganze Klasse lacht über Christoph: "Wandernde Lusche ...!"
Da muss ich bremsen.
"Nein, Claudia. So können wir nicht miteinander umgehen. Wenn Du jemanden von uns so bloß stellst, dann können wir hier nicht offen miteinander reden. Das mag ich nicht."
Sie schluckt, die Klasse wird mucksmäuschenstill.
In der Pause winke ich Claudia zu mir. Sie legt nur widerwillig ihr Handy zur Seite und haucht einen letzten Satz in den Äther: "Ich muss zum ... Lehrer!"
"Claudia? Hast Du mich verstanden?"
"Nein," schüttelt sie den Kopf.
Diese Antwort erwarte ich nicht, wenn ich jemanden in der Pause zur Rede stelle. Die meisten sagen schnell "Jaja" und verschwinden heilfroh ins Gewurle.
"Sie haben sich doch auch lustig gemacht über die Österreicher," schießt Claudia zurück.
Ich verstehe nicht gleich.
"Sie haben doch gesagt, dass die Österreicher WP-Typen sind, Wp wie Wappler."
Ich gestehe. Claudia hat mich ertappt. Den häufigen Typ Wanderer-Promenierer habe ich, zur Auflockerung und mnemotechnischen Festigung, abfällig zum WaPler erklärt. Keine nette Bezeichnung.
"Ich gelobe Besserung. Du auch?"
Breites Grinsen auf beiden Seiten.
P.S.: Ich muss Claudia noch erklären, dass es einen Unterschied macht, ob ich über eine anonyme Masse (zu der ich obendrein selbst gehöre) herziehe oder über einen anwesenden Mitschüler. Nächste Stunde: Nicht vergessen!
teacher - am Samstag, 2. Juni 2007, 14:59
Mitten in der Stunde klopft es leise an der Türe hinter mir. Da ich es überhört habe, machen mich die überraschten Schüler aufmerksam:
"Herr Professor! Da ist jemand in der Türe."
In Erwartung unangenehmer Störungen drehe ich mich missmutig nach hinten ... aber meine Stimme singt sofort ein freudiges "Haaaallo ..."
"Bitte lest den Text fertig und versucht ihn dann zu imitieren, und zwar indem ihr ihn an mich schreibt", erfinde ich schnell eine Beschäftigung für die Sechzehnjährigen.
Schon verschwinde ich vor die Türe, wo eine Studentin freundlich lächelt.
Jung, blond, hübsch.
Sie erzählt von ihrem Studium, ihren Sorgen, ihrem Anliegen. Ich freue mich über ihren unerwarteten Besuch. Er bringt Farbe und Abwechslung in den schulischen Alltag.
Zehn Minuten später stelle ich wieder meine Arbeitskraft in den Dienst des Staates. Die Schüler halten mir lustige Texte vors Gesicht, nur einer zeigt ernst auf mein Hemd:
"Sie haben da einen Knopf offen!"
"Wirklich?" senke ich meinen Kopf und überprüfe mit der rechten Hand die Adjustierung. Alles in Ordnung!
Zuerst lacht die halbe Klasse, dann die ganze, zuletzt auch ich.
"Aaaahh, er hat mich erwischt. Und ich bin voll reingefallen!"
Hübsches Mädchen - zehn Minuten - offenes Hemd! Gedanken eines Sechzehnjährigen, die mir schmeicheln.
"Herr Professor! Da ist jemand in der Türe."
In Erwartung unangenehmer Störungen drehe ich mich missmutig nach hinten ... aber meine Stimme singt sofort ein freudiges "Haaaallo ..."
"Bitte lest den Text fertig und versucht ihn dann zu imitieren, und zwar indem ihr ihn an mich schreibt", erfinde ich schnell eine Beschäftigung für die Sechzehnjährigen.
Schon verschwinde ich vor die Türe, wo eine Studentin freundlich lächelt.
Jung, blond, hübsch.
Sie erzählt von ihrem Studium, ihren Sorgen, ihrem Anliegen. Ich freue mich über ihren unerwarteten Besuch. Er bringt Farbe und Abwechslung in den schulischen Alltag.
Zehn Minuten später stelle ich wieder meine Arbeitskraft in den Dienst des Staates. Die Schüler halten mir lustige Texte vors Gesicht, nur einer zeigt ernst auf mein Hemd:
"Sie haben da einen Knopf offen!"
"Wirklich?" senke ich meinen Kopf und überprüfe mit der rechten Hand die Adjustierung. Alles in Ordnung!
Zuerst lacht die halbe Klasse, dann die ganze, zuletzt auch ich.
"Aaaahh, er hat mich erwischt. Und ich bin voll reingefallen!"
Hübsches Mädchen - zehn Minuten - offenes Hemd! Gedanken eines Sechzehnjährigen, die mir schmeicheln.
teacher - am Donnerstag, 31. Mai 2007, 10:11
Manchmal verdrücke ich mich im Kaffeehaus ins dunkelste Eck - wenn eine Lehrperson den seligen Raum österreichischer Gemütlichkeit betritt.
"Einen Kakao, bitte."
Nein, ich kenne ihn nicht, ich wittere ihn. Meist genügt ein kurzer Blick und schon suche ich das Weite. Wenn er dann umständlich in der Menükarte herumstochert oder in seiner vorgestrigen Ledertasche herumstiert, dann muss ich gehen.
"Zahlen, bitte."
Zugegeben, ich meide sie, diese typischen Lehrer. Ich geniere mich für etliche von ihnen:
Sie waschen ihre Haare nicht, sie wurschteln sich in verschwitzte Trainingsanzüge, sie bewundern ihre eigenen Sprachfertigkeiten, sie erkennen ihre Scheuklappen nicht, sie leben im vorigen Jahrhundert, sie drehen ihre Handys nicht ab, sie vermuten Zauberkräfte in ihren heilenden Händen, sie kleben sinnlose Zettel auf Türrahmen, sie verwischen Kreidenstaub mit ihren Ärmeln, sie grüßen nicht und beschweren sich über unhöfliche Mitmenschen, sie lesen Kronenzeitung und Bücher aus den Hitlisten, sie verkitschen Schulhefte und verkennen Kreativität, sie schwelgen in unverständlichen Metaphern, sie bemitleiden ihre Kollegenschaft, sie lachen über eigene Witzchen, sie kriechen in die Direktion, sie spucken im Unterricht, sie tragen Pantoffel im Dienst, sie unterbrechen jeden Gesprächspartner, sie glauben ihren eigenen Lügen, sie schreiben mit fremden Bleistiften, sie verwenden Rot zur Strafe und erheben Grün zur Barmherzigkeit, sie lassen überall den Bildungsbürger heraushängen, sie schneiden die Haare ihrer Ehemänner, sie genießen Macht in herzlosen Momenten, sie zeigen Dias, sie essen Butterbrote in den Pausen, sie tragen warme Unterwäsche, sie verbreiten den Hausverstand der kleinen Mittelschicht, sie fordern Tugenden, sie verstellen meinen Parkplatz, sie singen bei Feiern und halten launige Reden, sie buchen Gruppenreisen, sie preisen Feminismus als Gleichberechtigung, sie fordern Engagement ohne es vorzuleben, sie kommen mit roten Pausbacken aus dem Wochenende, sie trinken Salbeitee aus Plastikflaschen, sie schleppen übervolle Ledertaschen, sie mögen Jutesäcke und Tofuschnitzel ... sie missachten ihren Berufsstand.
Der Tragödie letzter Schluss: Ich verachte mich, meinen Kollegen ihre menschlichen Schwächen vorwerfend.
"Einen Kakao, bitte."
Nein, ich kenne ihn nicht, ich wittere ihn. Meist genügt ein kurzer Blick und schon suche ich das Weite. Wenn er dann umständlich in der Menükarte herumstochert oder in seiner vorgestrigen Ledertasche herumstiert, dann muss ich gehen.
"Zahlen, bitte."
Zugegeben, ich meide sie, diese typischen Lehrer. Ich geniere mich für etliche von ihnen:
Sie waschen ihre Haare nicht, sie wurschteln sich in verschwitzte Trainingsanzüge, sie bewundern ihre eigenen Sprachfertigkeiten, sie erkennen ihre Scheuklappen nicht, sie leben im vorigen Jahrhundert, sie drehen ihre Handys nicht ab, sie vermuten Zauberkräfte in ihren heilenden Händen, sie kleben sinnlose Zettel auf Türrahmen, sie verwischen Kreidenstaub mit ihren Ärmeln, sie grüßen nicht und beschweren sich über unhöfliche Mitmenschen, sie lesen Kronenzeitung und Bücher aus den Hitlisten, sie verkitschen Schulhefte und verkennen Kreativität, sie schwelgen in unverständlichen Metaphern, sie bemitleiden ihre Kollegenschaft, sie lachen über eigene Witzchen, sie kriechen in die Direktion, sie spucken im Unterricht, sie tragen Pantoffel im Dienst, sie unterbrechen jeden Gesprächspartner, sie glauben ihren eigenen Lügen, sie schreiben mit fremden Bleistiften, sie verwenden Rot zur Strafe und erheben Grün zur Barmherzigkeit, sie lassen überall den Bildungsbürger heraushängen, sie schneiden die Haare ihrer Ehemänner, sie genießen Macht in herzlosen Momenten, sie zeigen Dias, sie essen Butterbrote in den Pausen, sie tragen warme Unterwäsche, sie verbreiten den Hausverstand der kleinen Mittelschicht, sie fordern Tugenden, sie verstellen meinen Parkplatz, sie singen bei Feiern und halten launige Reden, sie buchen Gruppenreisen, sie preisen Feminismus als Gleichberechtigung, sie fordern Engagement ohne es vorzuleben, sie kommen mit roten Pausbacken aus dem Wochenende, sie trinken Salbeitee aus Plastikflaschen, sie schleppen übervolle Ledertaschen, sie mögen Jutesäcke und Tofuschnitzel ... sie missachten ihren Berufsstand.
Der Tragödie letzter Schluss: Ich verachte mich, meinen Kollegen ihre menschlichen Schwächen vorwerfend.
teacher - am Mittwoch, 30. Mai 2007, 21:18
Wollen Sie wissen, woher Ihr Name stammt? Was der werte Familienname bedeutet? Ob jemand mit dem gleichen Namen in die USA ausgewandert ist und vielleicht als reicher Erbonkel in Frage käme.
Kinder wollen das.
Eine Kollegin nutzte dieses Interesse und gab einen entsprechenden Forschungsauftrag: "Was bedeutet Dein Familienname?"
Wer die Untiefen des Internets kennt, ahnt bereits Böses. Gleich zwei Schüler tappen in die Falle.
"Ich habe ja meinen Namen eingeben müssen!"
Selbstverständlich.
Sie haben auch die Adresse eingegeben und per Doppelklick ein Abonnement erworben. Kostet 60 Euro. Eine teure Information, um Mayer von Müller zu unterscheiden.
Gut, eine Mutter hat nicht lange gefackelt und die Sachlage klar gestellt: "Mein Sohn ist 13 Jahre alt, er ist nicht voll geschäftsfähig, gar nicht dazu berechtigt, im Internet Verträge zu schließen." Kein Geld. Basta.
Die zweite Mutter hat eine heiklere Position zu vertreten: Ihr Sohn gab nämlich nicht seinen eigenen Namen ein, sondern den ihrigen.
"Warum machst Du das?", fragt die Lehrerin.
"Meine Mama hat mir verboten, meinen eigenen Namen und meine Adresse ins Internet zu schreiben."
"Aha."
"Deswegen habe ich den Namen von der Mama eingetragen."
"Sehr schlau!" (ironischer Unterton)
Also ging die Rechnung des abzockenden Internetanbieters an die Frau Mutter. Diese ärgert sich nicht so sehr über die Handlung ihres Sohnes, die Geldhaie oder die Gesetzeslücke als über den Arbeitsauftrag der Lehrerin.
"Die Verantwortung liegt ganz bei Ihnen! Das ist in Ihrer Stunde passiert, die 60 Euro zahlen Sie."
Wir haben eine Schuldige.
Und die Geschichte verbreitet sich wie ein Lauffeuer, besonders unter Lehrern, die immer schon gewusst haben, dass dieses neumodische Internetz nicht für den Unterricht taugt. Abdrehen!
P.S.:
www.pcgo.de nennt die Dinge beim Namen (Heft 7/07)
Vorsicht, Abzocke: www.genealogie.de
Sichere Alternative: www.genealogienetz.de
Kinder wollen das.
Eine Kollegin nutzte dieses Interesse und gab einen entsprechenden Forschungsauftrag: "Was bedeutet Dein Familienname?"
Wer die Untiefen des Internets kennt, ahnt bereits Böses. Gleich zwei Schüler tappen in die Falle.
"Ich habe ja meinen Namen eingeben müssen!"
Selbstverständlich.
Sie haben auch die Adresse eingegeben und per Doppelklick ein Abonnement erworben. Kostet 60 Euro. Eine teure Information, um Mayer von Müller zu unterscheiden.
Gut, eine Mutter hat nicht lange gefackelt und die Sachlage klar gestellt: "Mein Sohn ist 13 Jahre alt, er ist nicht voll geschäftsfähig, gar nicht dazu berechtigt, im Internet Verträge zu schließen." Kein Geld. Basta.
Die zweite Mutter hat eine heiklere Position zu vertreten: Ihr Sohn gab nämlich nicht seinen eigenen Namen ein, sondern den ihrigen.
"Warum machst Du das?", fragt die Lehrerin.
"Meine Mama hat mir verboten, meinen eigenen Namen und meine Adresse ins Internet zu schreiben."
"Aha."
"Deswegen habe ich den Namen von der Mama eingetragen."
"Sehr schlau!" (ironischer Unterton)
Also ging die Rechnung des abzockenden Internetanbieters an die Frau Mutter. Diese ärgert sich nicht so sehr über die Handlung ihres Sohnes, die Geldhaie oder die Gesetzeslücke als über den Arbeitsauftrag der Lehrerin.
"Die Verantwortung liegt ganz bei Ihnen! Das ist in Ihrer Stunde passiert, die 60 Euro zahlen Sie."
Wir haben eine Schuldige.
Und die Geschichte verbreitet sich wie ein Lauffeuer, besonders unter Lehrern, die immer schon gewusst haben, dass dieses neumodische Internetz nicht für den Unterricht taugt. Abdrehen!
P.S.:
www.pcgo.de nennt die Dinge beim Namen (Heft 7/07)
Vorsicht, Abzocke: www.genealogie.de
Sichere Alternative: www.genealogienetz.de
teacher - am Dienstag, 29. Mai 2007, 18:43
"Gut erzogen" heißt "zum Verlierer gemacht".
Die Energieversorger kommen gerne in die Schule, teilen bei Sportfesten und anderen Events ihre schmucken Mode-Drinks aus. Unsere Schüler drängen zu den Zuckerbärli und leeren runter, was kräftig und abhängig macht. Nicki und Berni stehen etwas abseits und gehen leer aus. Sie haben sich - gut erzogen - in der Schlange hinten angestellt.
Szenenwechsel:
Eine Kollegin drängt sich vollbepackt durch die Gänge: Von der rechten Schulter baumelt eine schwere Tasche, in der Hand hält sie einen Stapel Hefte - die bereits ins Rutschen geraten - links trägt sie einen handlichen Kassettenrekorder. Um durch die Pendeltür zu kommen, presst sie elegant ihr Hinterteil dagegen. Diese Gelegenheit nützt ein keckes Kerlchen und spaziert durch den geöffneten Türspalt.
"Bist Du im Kuhstall aufgewachsen?" keift die Lehrerin verärgert dem unhöflichen Schüler hinterher und schüttelt den Kopf.
Es ist ihm gar nicht aufgefallen, was er angestellt hat und fühlt sich von der unverständlichen Aussage nicht betroffen.
Alles schief gelaufen!
Die Energieversorger kommen gerne in die Schule, teilen bei Sportfesten und anderen Events ihre schmucken Mode-Drinks aus. Unsere Schüler drängen zu den Zuckerbärli und leeren runter, was kräftig und abhängig macht. Nicki und Berni stehen etwas abseits und gehen leer aus. Sie haben sich - gut erzogen - in der Schlange hinten angestellt.
Szenenwechsel:
Eine Kollegin drängt sich vollbepackt durch die Gänge: Von der rechten Schulter baumelt eine schwere Tasche, in der Hand hält sie einen Stapel Hefte - die bereits ins Rutschen geraten - links trägt sie einen handlichen Kassettenrekorder. Um durch die Pendeltür zu kommen, presst sie elegant ihr Hinterteil dagegen. Diese Gelegenheit nützt ein keckes Kerlchen und spaziert durch den geöffneten Türspalt.
"Bist Du im Kuhstall aufgewachsen?" keift die Lehrerin verärgert dem unhöflichen Schüler hinterher und schüttelt den Kopf.
Es ist ihm gar nicht aufgefallen, was er angestellt hat und fühlt sich von der unverständlichen Aussage nicht betroffen.
Alles schief gelaufen!
teacher - am Freitag, 25. Mai 2007, 20:01
Harry, quicklebendige 10 Jahre alt, sitzt nicht zufällig alleine in der ersten Reihe. Sein Klassenvorstand setzt auf Konsequenz und bittet mich, jeden kleinsten Vorfall sofort zu melden. So gebrieft marschiere ich in die unbekannte Klasse.
Ich teile Gratiszeitungen aus - dafür pilgere ich vorher zum Bahnhof - und lasse nach Markennamen im Text suchen: "Coca-Cola, Microsoft oder Austrian Airlines, zum Beispiel."
Manche stürzen sich ins Gefecht, ein Mädel fragt aufmüpfig "Wozu?" und Harry beginnt zu summen, pfeifen, singen.
Das Ergebnis unserer Recherche bleicht mir jedes Mal die Haare.
Redaktionelle - also die viel beschworenen unabhängigen - Texte stehen häufig in direktem Zusammenhang zu bezahlten Inseraten.
Am besten belegen lässt sich diese Käuflichkeit der Journale/Journalisten im Reiseteil. Findet man einen Bericht über Kuba, dann im Anhang zu einem Karibik-Inserat. Völlig unabhängige Berichte über Reiseländer suche ich nur mehr im Internet! (Und Bloggern schenke ich das größte Vertrauen.)
Auch wenn sich Zeitungsfritzen in die Schule verirren, dann meist im Schlepptau einer sponsernden Firma, also wenn es Geld zu machen gibt.
Ergebnis: Graue Haare am Kopf und Kabeln im Hals. Grrrr...
Harry hat zu diesem Ergebnis wenig beigetragen. Er hat die Nackerte auf Seite 7 heftig kommentiert (Meine Reaktion: "Schluss jetzt, du sagst jetzt keine Wort mehr!"), mit Kugelschreiber deren Rundungen verstärkt und das Gratispapier auf seine Festigkeit getestet: "Sch..ßpapier!"
Nach dem Pausengong fragt mich Harry: "Können wir die Zeitung behalten?"
"Ja, die war ja gratis."
Jetzt ist er enttäuscht.
Er zieht sein eigenes Exemplar aus dem Tischfach - wohl ein Bahnfahrer! - legt es fein säuberlich zusammen und packt es unversehrt in seine Schultasche.
Ich denke mir: "Warum hat er mein Arbeitsmaterial zerstört?", mache mir Gedanken zum öffentlichen Eigentum, zum Vandalismus und überlege, was ich davon dem Klassenvorstand erzählen soll.
Aus pädagogischer Neugierde würde ich ihn gerne zu seinem Verhalten interviewen, aber ... ding-dong-gong - die nächsten 30 Kinder warten mit neuen Überraschungen.
Ich teile Gratiszeitungen aus - dafür pilgere ich vorher zum Bahnhof - und lasse nach Markennamen im Text suchen: "Coca-Cola, Microsoft oder Austrian Airlines, zum Beispiel."
Manche stürzen sich ins Gefecht, ein Mädel fragt aufmüpfig "Wozu?" und Harry beginnt zu summen, pfeifen, singen.
Das Ergebnis unserer Recherche bleicht mir jedes Mal die Haare.
Redaktionelle - also die viel beschworenen unabhängigen - Texte stehen häufig in direktem Zusammenhang zu bezahlten Inseraten.
Am besten belegen lässt sich diese Käuflichkeit der Journale/Journalisten im Reiseteil. Findet man einen Bericht über Kuba, dann im Anhang zu einem Karibik-Inserat. Völlig unabhängige Berichte über Reiseländer suche ich nur mehr im Internet! (Und Bloggern schenke ich das größte Vertrauen.)
Auch wenn sich Zeitungsfritzen in die Schule verirren, dann meist im Schlepptau einer sponsernden Firma, also wenn es Geld zu machen gibt.
Ergebnis: Graue Haare am Kopf und Kabeln im Hals. Grrrr...
Harry hat zu diesem Ergebnis wenig beigetragen. Er hat die Nackerte auf Seite 7 heftig kommentiert (Meine Reaktion: "Schluss jetzt, du sagst jetzt keine Wort mehr!"), mit Kugelschreiber deren Rundungen verstärkt und das Gratispapier auf seine Festigkeit getestet: "Sch..ßpapier!"
Nach dem Pausengong fragt mich Harry: "Können wir die Zeitung behalten?"
"Ja, die war ja gratis."
Jetzt ist er enttäuscht.
Er zieht sein eigenes Exemplar aus dem Tischfach - wohl ein Bahnfahrer! - legt es fein säuberlich zusammen und packt es unversehrt in seine Schultasche.
Ich denke mir: "Warum hat er mein Arbeitsmaterial zerstört?", mache mir Gedanken zum öffentlichen Eigentum, zum Vandalismus und überlege, was ich davon dem Klassenvorstand erzählen soll.
Aus pädagogischer Neugierde würde ich ihn gerne zu seinem Verhalten interviewen, aber ... ding-dong-gong - die nächsten 30 Kinder warten mit neuen Überraschungen.
teacher - am Donnerstag, 24. Mai 2007, 16:33