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cotopaxi

 
Ich stehe im Halbrund eines Hörsaales, merkwürdigerweise sitzen meine Fünfzehnjährigen in den aufsteigenden Rängen.

Es klopft an der Türe, aber niemand tritt ein. Ich gehe hin, öffne und stehe vor einer Wand von schwarz verkleideten, gesichtslosen Leibern. Ich sehe nur dunkle Gestalten, rote Verbrämungen und weiße Zähne. Draculas, Vampire, Zauberlehrlinge. Sofort verstehe ich das Spiel - es muss sich um meine SchülerInnen aus dem Vorjahr handeln, die ein seltsames Ritual abspulen.
Sie drängen mich rückwärts in den Saal und ringen mich zu Boden. Eine Gestalt löst sich aus der makabren Masse, umfasst mit beiden Händen meinen Hals und würgt mich schmerzlos zu Tode. Ich folge einer unausgesprochenen Regie und stelle meine Atmung ein.
Um mein bleiches Gesicht wallen schwarze Mäntel, aus der Anonymität packt mich eine Hand ... hart am Gemächt.

Ich wache auf ... und spüre ein tiefes Verlangen nach Ferien.

All meine Interpretationsversuche enden in einer Idee: Dieser Job saugt mich aus, frisst mich auf, verfolgt mich bis in die letzten Ecken meiner Existenz.

Und er gibt mir unzählige Rätsel auf.

Sechste Stunde, ich schleppe Sudokus in die Klasse, fahre aber eine saftige Abfuhr ein: "Zu anstrengend!"
"Was wollt er denn?"
Neben den gängigen Maoam-Sagern (Werbung wirkt!) kommt die Erlösung: "In den Park! Sogar die Lateiner sind rausgegangen."

Es ist heiß, an Unterricht ist nach der Notenkonferenz nicht zu denken, die einzige reale Alternative hieße Eissalon. Wir marschieren im Schatten der Häuser zur nächsten Grünfläche, wo ein Rasensprenger für nasse Abkühlung sorgt.

Unter den Bäumen fangen die Kinder ihre Gimmicks aus den Taschen und wetteifern um Aufmerksamkeit.

Bushido, klar. Laut und frech.
Ich schaue aufs nächsten Handy-Display.

"Was ist das?"
"Umbrella!"
Nie gehört, ich überlege, reagiere nicht sofort.
"Das heißt "Regenschirm" auf deutsch."
"Aha. Ist das eine Gruppe?"
"Nein, ein Lied von Rienna."
"Wie?"
"Schauen Sie: Rihanna. Die müssen Sie kennen. Sie werden sabbern. Die läuft eh ständig auf MTV."
"Heißt das, du sabberst vor dem Fernseher?"
"Ja, sicher, alle. Drum braucht sie ja einen Regenschirm."

Inzwischen sind die Mädchen zum Spielplatz gelaufen und verdrängen die Kleinkinder von Schaukeln und Klettergerüsten. Mit dreizehn Jahren schauen sie aus wie junge Damen, spielen aber wie kleine Kinder: Haare fliegen und Röcke auch.

Während ihre männlichen Klassenkameraden Bushidos Gewaltorgien hören und vor Rihanna sabbern.

Ich schaue mir den Clip an und mache mir richtig Sorgen:
Ich sabbere nicht.

Rihanna - Umbrella

 

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