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cotopaxi

 
Neuerungen im österreichischen Schulstart:
100 % Unterricht = 0 % Planungszeit

1. Schüler:
08.10 Uhr, auf dem leeren Gang schlendert ein entspannter Junge auf mich zu.
"Wo ist denn die Schulmesse?"
"Gibt es keine. Schau, dass Du in deine Klasse kommst!"
"Wieso?"
"Du versäumst gerade die Anfangsinformationen vom Klassenvorstand!"
"Was? Heute?"
"Nein, jetzt!"
Sein Gesichtsausdruck verliert an Entspannung, sein Schritt gewinnt an Geschwindigkeit.
Das gemütliche Hinübergleiten von Ferien in Unterricht ist vorbei, die neue Schule fordert Effizienz ... und neue Opfer.

2.Lehrer:
"Du bist für die 5B vorgesehen, stimmt's?"
"Ja, so steht es in meinem Stundenplan!"
"In meinem auch! Wir stehen morgen gemeinsam in der 5B."
"Wie? Wir teilen uns die Klasse?"
"Nein, weil die 5C hat dafür keinen Lehrer."
"Interessant, was dem Computer so einfällt!"

3.Direktor:
"Liebe Kollegen. Wir haben 42 Klassen unterzubringen - für 36 wurde die Schule gebaut. Deshalb sitzen die Schüler auch in allen Sondersälen, im Physik-, Chemie-, Biologiessaal."
"Gut. Aber wo soll ich morgen mit meinen Schülern hingehen, wenn die 3 B in unseren Saal muss?"
"Das kommt aufs Wetter an. Wenn es sonnig ist ... vielleicht in den Park."
Schulterzucken.
"Aber nächste Woche haben wir das im Griff!"
"Ich soll ja unterrichten ... laut Frau Minister."
"Wir werden ihr einen Brief schreiben. Wir haben zu wenig Klassen, es fehlen noch einige Lehrer, da kann man keinen Vollbetrieb garantieren."

Gut gemeint ist das Gegenteil von Gut, Frau Gehrer.

Aus cine-kulinarischen Gründen zieht es mich in die große Stadt: Dort warten nette Kolleginnen, um eine lieb gewonnene Tradition aufrecht zu erhalten: Das letzte Wochenende vor Schulbeginn gehört einem französischen Film und einem guten Beisl.
Motto: "Das letzte Abendmahl"
Auf dem Weg fühle ich mich alleine: Die ganze Stadt gehört den Teenies, rundherum blühen Wimmerl und Hormone.
In der Straßenbahn schaue ich mich heimlich um: Bin ich der Älteste? Nein, da fährt noch eine heitere Runde an den Stadtrand, zum Heurigen wahrscheinlich. Aber sonst?
Neben mir eine Menge unglaublich junger Mädchen: 12 - 14 Jahre.
Ein paar Möchtegern-Macker im Schlepptau.
Wortfetzen zum Mithören:
"Fährst du schon nach Hause?"
"Was soll ich daheim?"
"Na ... duschen und Socken wechseln!"
"Ich hätt' noch eine Flasche Bacardi ..."
Ich muss aussteigen. Vorbei an einer Tankstelle, dort warten die getunten 3er-BMWs und polierten Alu-Felgen. Einer der Rennfahrer nimmt die Bierdose von den Lippen und pfeift zum Gehsteig, wo die engen, weißen Hosen der Kindfrauen ins Dunkel der Nacht leuchten.
"Bist blind?" fragt sein Nachbar. "Die kommen vom Kindergarten!"
Um Mitternacht.

 

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