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cotopaxi

 
Letzte Schulwoche in Ostösterrreich.
Die Zeugnisse sind geschrieben, die Verständigungen über negative Beurteilungen laden zu Berufungen ein - deswegen warten wir fünf Tage vom Koma zum echten Ende des Schuljahres.

Die 3 F sitzt mit 7 Exemplaren in der Klasse. Sieben von 32, das macht weniger als ein Viertel der Schüler, die sich ins Institut bequemt haben.
Das Huhn-Ei-Problem: Die Schüler kommen nicht mehr, weil kein normaler Unterricht statt findet - es findet kein normaler Unterricht statt, weil keine Schüler kommen.

Bei den Kleinen greift der Klassenvorstand hart durch: "Es geht nicht an, dass ihr eurer Schulpflicht nicht mehr nachkommt."
Vorladungen, Vorsprachen und eine sofortige Konsequenz: Der Wienbesuch wird am Montag abgesagt, die Klasse wird mit normalem Unterricht versorgt. Also Unterricht als Strafe.

"Ich bin seit Jahren auf keine Maturafeier mehr gegangen", gesteht mir ein enttäuschter Kollege, "mein Bier trinke ich lieber mit Freunden."
Ich wollte der feierlichen Erosion Einhalt gebieten und habe mit meinen Absolventen gesprochen.
"Wann gelingt eine Feier?" stand fragend in ihren Gesichtern. Ich begann ganz vorne, weil es nötig war.
"Sucht einmal eine geeignete Location!"
"In der Schule?"
"Sicher nicht! Aber in der Umgebung. Damit wir alle gut hinkommen. Und achtet auf die Verkehrserschließung."
Sie machten sich auf die Suche. Ergebnis: Der kühle Kellerraum eines neu renovierten Gasthauses, reserviert für den speziellen Anlass, einladend und separiert.
"Gelungen!"
Schon kümmerten sich einige Ästheten um die Dekoration: Ein paar Blumen, ein paar Ballons, ein paar Fotos. Dezent und gemütlich.
"Exquisit!"
"Müssen wir einladen? Wir haben nur 300 Euro in der Klassenkasse."
"Erstens: Ausgefallene Einladungen entwerfen, schriftlich einladen, das ist Marketing! Zur heiklen Frage - Geld: Ich würde vorschlagen, dass ihr einen Teil der Kosten übernehmt, das ist bei uns so üblich."
Usancen tradieren.
"Zum Beispiel?"
"Bei der letzten gelungenen Feier haben die Schüler ein Buffet organisiert, die Hauptspeisen bestellt, die Nachspeisen selbst mitgebracht. Das gab der Sache was Persönliches!"
"Und die Getränke zahlt jeder selbst?!"
"Ja. So bleibt das Kampftrinken im Rahmen."
"OK, das machen wir auch."
"Vergesst das Wichtigste einer Feier nicht: Programm!"
"Essen, Trinken, Tratschen!"
"Nicht genug! Eine kleine Rede, ein kleines Spiel, ein paar kleine Erinnerungen, Späßchen ..."

Sie sind über sich hinausgewachsen. Sie haben Theater gespielt, herzlich und engagiert. Sie haben für jeden Gast ein kleines persönliches Souvenir im Stile einer Lotterie verschenkt, sie haben Musik ausgewählt, die keinen Altersunterschied erkennen ließ. Ich habe mit launigen Worten ihren Abschied versüßt und auf die geheimnisvolle Mitternachtseinlage gewartet.
Sie hatten ein Video gedreht und an die Leinwand gebeamt: Wir erinnerten uns an gemeinsame Erlebnisse, wir lachten über gewagte Scherze, wir bewunderten ihre Kreativität.

Heute war die Maturafeier zum Schulgespräch geworden: Sie haben sich übertroffen, sie haben neue Maßstäbe für Schulfeiern gesetzt. Wir triefen alle vor Stolz.
"Warum hast Du solches Glück mit Deiner Klasse?"
"Ich habe dem Glück ein bisschen nachgeholfen. Wir haben feiern gelernt."

 

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