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cotopaxi

 
Es gibt Menschen, die halten Hamburger mit Pommes für gutes Essen.
Sie finden Cola geil und Popups Alkopops cool.
Diese Menschen ziehen neonfarbene T-Shirts an und setzen bunte Kappen auf, um Stil zu zeigen.

Sie schauen RTL, um sich gut zu unterhalten, lesen Bravo, um sich zu informieren und spielen Ballerspiele, um sich zu entspannen.
Es gibt Menschen, die halten Sternchen für Stars und kreischen vor Begeisterung bei Tokyo Hotel und DSDS.
Sie würden bedenkenlos populistische Rechtspolitiker zu Präsidenten wählen.

Wie tragisch ist es, wenn diese Menschen die heutige Schule ablehnen?
Oder:
Dürfen wir diesen Menschen die Entscheidung überlassen, was gute Schulen leisten sollen?
Und:
Können diese Menschen Lehrer beurteilen?

Die neuen Schulbücher versuchen, politisch korrekt zu sein. Eines der Fotos zeigt daher einen jungen Nordafrikaner, der seinem Cousin aus einer orientalischen Zinnkanne Tee einschenkt.

Für mich kein aufregendes Detail, es ist mir nicht einmal aufgefallen.

Nadine, 16:
"Ha, was ist denn das?"
Sie kann es nicht fassen, dass zwei Jugendliche gemeinsam Tee trinken.
"Was ist denn das für eine öde Kanne?"
"Wahrscheinlich Marokko", erkläre ich kurz.
"Und der andere? Warum hat der so ein kleines Glas?"
"Tee trinkt man dort aus Gläsern, nicht aus Tassen oder Häferl."

Sie finden die Szene irgendwie lächerlich, also frage ich:

"Wie würde das bei euch ausschauen?"
"Ein Zwanzigjähriger und ein Sechzehnjähriger? Die würden bei einem Bier sitzen! Aber nicht zuhause auf einer Couch, sondern in einem coolen Lokal."

Mein Interpretationsohr hört zwischen den Zeilen: "Tee auf der Couch? Das ist armselig, schwul, kindisch."

Ich erzähle von der Kultur des Teetrinkens in orientalischen Basaren. Heiß. Süß. Geschmack. Gastfreundschaft. Gespräche. Zeit.

"Können wir das nächste Stunde machen?", fragt die Nachbarin interessiert.
"Schon klar, dass ihr lieber Tee mit mir trinkt als Übungen zu schreiben," blocke ich ab.
"Oder vielleicht vor Weihnachten", kommt ein Kompromiss.

Tja, Ich werde sie wohl einladen müssen.
In der Schule habe ich nicht einmal heißes Wasser. Natürlich keinen Tee, keine Gläser, keinen Zucker, keine Löffel. Wir sind ein ödes Amt. Ich werde einkaufen gehen, Becher besorgen, Kekse dazu, abwaschen ... mein (finanzielles) Privatvergnügen.

Weil das Buch so politisch korrekt ist. Nicht aber die Schule.

"Tausend Mal gerührt, nie ist was passiert."

Ich habe tausend Schwächen der Schule angeprangert, seit Monaten suche ich die größte Untiefe des Systems.

Zwei Geographielehrer:
"In der Bibliothek stehen zwei neue Werke zur Stadtgeographie - hast Du sie schon gesehen."
"Ja, ich habe schon herumgeblättert ... aber was soll's."
"Ich will mich da auch nicht mehr durchquälen."

Zwei Spanischlehrer:
"Bist Du in der 7.Klasse mit den Pronomen schon fertig?"
"Ich hab das jetzt sieben Mal erklärt, jetzt müssten sie das doch kapieren!"
"Es ist eine Katastrophe. Ich glaube, sie würden's schon verstehen, aber sie üben's nicht. Hier haben wir keine Zeit mehr ... und zuhause, alleine wollen sie nicht."
"Sie sehen keinen Sinn darin. Für die Matura lernen? Wofür sonst?"

Zwei Unidozenten:
"Mit dem Bolognasystem wird alles verschult. Die Studierenden kommen bis zum Bachelor nicht mehr zum Schnaufen."
"... schon gar nicht mehr zum kritischen Reflektieren. Das ist kein akademisches Studium mehr."
"Und wir füllen jedes Semester zwanzig neue Formulare aus ... und das Mitspracherecht in den Gremium haben sie auch ausgehöhlt."

Was macht unser Bildungsystem so krank, dass sich die Betroffenen völlig davon abwenden? Richtig abgestoßen fühlen. Verzweifeln.

Das Hauptproblem: Motivation. Fehlende Motivation.

Mir ist eines klar geworden: Wenn wir SchülerInnen und LehrerInnen nicht motivieren können, dann geht die Bildung den Bach hinunter. Reformen hin oder her.

Nass sind wir schon.

Ich wollte mal eine Schülerin direkt zu Wort kommen lassen.
Hier das Originalmail:

guten abend Herr Prof!

dachte bei dem video an Sie, hoffe es gefällt Ihnen!

l.g .....

hier unten ist der Link:

http://www.global2000.at/site/de/aktivitaeten/klima/kopenhagen/article-video.htm


Auf solche Mails bin ich irgendwie stolz ...

Viele Kinder, vor allem die kleineren, wollen nach jeder bewerteten Stundenwiederholung wissen, welche Eintragungen ich mache.

Ein Zehnjähriger, der die Umstellung von der Volksschule noch nicht ganz vollzogen hat, stellt mich beim Klassenausgang:

"Herr Lehrer? Wie viele Minus hab' ich schon?"
"Du hast schon mehrere Plus, aber auch zwei Minus. Aber nichts dazwischen. Wie erklärst Du dir das?"
"Je nachdem, wie ich ausgeschlafen bin!"
"Und wovon hängen deine Noten sonst noch ab?"
"Vom Frühstück."
"Ja. Und sonst?"
" Hmmm ... ob ich gut aufgelegt bin ... oder schlecht drauf."
Ich muss nachhelfen, ich will in die Pause gehen:
"Und vom Lernen zuhause, oder?"

Der Jüngling schaut mich groß an und ich lese in seinen Stirnfalten:
"Was meint der böse Mann mit Lernen? Zuhause?"

Fahren wir, wenn alle fahren: Einkaufen am Samstag.
Ich rolle mit dem Auto auf den Parkplatz des Supermarktes, mitten auf der Straße stolzieren provokant zwei junge Herren ganz in schwarz. Ich fahre links vorbei auf den nächsten freien Platz und steige aus.
"Sie hätten uns bald umgeführt!", geht mich einer der beiden Jünglinge vorwurfsvoll an.
"Ah geh, da waren noch Kilometer Platz", will ich die Affäre kurzerhand abdrehen und gehe weiter.
"Du kannst Kilometer meine Faust kennenlernen", kommt da vom 100-Kilo-Typ mit dem Babyface entgegen.

Da breche ich spontan in Lachen aus, ich kann nicht anders.

Für einige Zehntelsekunden stehen wir Aug in Aug auf dem Asphalt wie Duellanten im Morgengrauen. Ich sehe seine kurz geschorenen dunklen Haare, seine südländisch gebräunte Haut, seine kindlichen Äuglein im übergewichtigen Antlitz. Er fühlt sich durch mein Lachen provoziert, er muss seinem Begleiter Stolz und Mut beweisen und er checkt seinen mittelalterlichen Gegner ab.

Ich fühle mich herausgefordert, ich bin versucht, den starken Mann heraushängen zu lassen ... aber gehe gelassen weiter, werfe das leere Bierfass in den passenden Müllcontainer. Erst beim Umdrehen stelle ich dankbar fest, dass mir die beiden nicht gefolgt sind.

Jetzt verstehe ich meine Schüler besser, die von bedrohlichen Situationen in Parks, vor Pubs und in den Discos erzählen: "Hey, Arschloch, Zigarette?"
Es reicht nicht zu sagen: "Ist doch nichts passiert." Oder: "Geht doch zur Polizei."
Anpöbeln, eine Bedrohung ist ein unangenehmes Gefühl, eines, das tiefe Kerben ins Gemüt schlägt. Sie verändert die Einstellung zu einer ganzen Bevölkerungsgruppe, verstärkt latent vorhande Vorurteile. Ich spürte den politischen Rechtsruck der Jugendlichen am eigenen Leib.

Sicherheit im öffentlichen Raum ist ein hoher Wert und selbst unbedeutende negative Erfahrungen zeitigen massive Konsequenzen - Meine soziale Chaostheorie.

Mich wundert es nicht, dass Barack Obama den Nobelpreis erhielt. Schließlich haben ihn meine SchülerInnen sogar zum Klassensprecher nominiert. Gemeinsam mit Oliver Pocher.

Geworden ist es schließlich Sophia R.,15 Jahre, sie hat den professionellen Spaßvogel und den friedlichen Kriegsherren um Häuser geschlagen. Gratuliere, liebe Klassensprecherin.

Ich habe das lustig gefunden. Ich kann sogar grinsen, wenn Mickey Mouse oder Batman mehr Anhänger überzeugen als Gerald Z., 16 Jahre, der bloß zwei Stimmen für sich verbuchen konnte - wahrscheinlich seine eigene und die seines Sitznachbarn.

Aber lustig ist das nicht! Meinen zumindest zwei Kolleginnen, die ich beim Vorbeigehen heftig diskutieren höre:
"Bei den Klassensprecherwahlen geht es um politische Erziehung, die sollte man ernst nehmen! Das ist ja auch eine wichtige Funktion."
"Ausserdem ist es für alle Kandidaten beschämend, wenn sie mit lächerlichen Figuren gleichgestellt werden."

Ich verberge sofort mein Amusement hinter einer neutralen Mimik.
Miesepeter, Zwiderwurz'n, Gutmenschen?
Orientierungslose LehrerInnen.

"Schule muss Spaß machen."

Ich lese es häufig, ich höre es oft, meist vorwurfsvoll: "Ihr seid doch lustlose Ungustln!"

"Schule muss Spaß machen", das ist eine populäre, ja populistische Forderung an die Lehrer (nicht an die Schule, den Lehrplan, die Schulbücher oder die Pädagogik als ganzes, dort wird man den Begriff Spaß nicht einfordern). Es ist auch ein Versprechen an die Kinder, eines, das praktisch nicht einzulösen ist. Die Spaßverkünder haben dabei den Vorteil, sich selbst ins Sonnenlicht kinderfreundlicher Heilsapostel zu stellen, ohne dafür Verantwortung übernehmen zu müssen:
"Liebe Kinder, seht her, wir sind die Guten. Wir gönnen euch Spaß, wir versprechen euch Wissen mit Freude. Uns könnt ihr lieb haben."
Sie nehmen andere, die Lehrer, in die Pflicht und sich selbst aus dem Spiel: "Ihr dort, macht doch mal ... aber mit Spaß!"

In Wirklichkeit nehmen sie die Kinder und deren Anstrengungen nicht ernst, sie wecken falsche Hoffnungen und prägen gefährliche Einstellungen.

Schulbeginn früher: "Jetzt beginnt der Ernst des Lebens."
Schulbeginn heute: "Lernen muss Spaß machen."

Da sitzen die Kinder fünf Stunden lang in miefigen Klassenräumen und mühen sich mit Buchstaben und Ziffern ab. Jedes Zeichen muss hundert Mal geübt werden, bis es halbwegs lesbare Formen annimmt. Spaß!

Da laufen 22 Kinder einem Fußball nach, alle wollen hinhauen, aber der Trainer lässt sie in Reih und Glied aufstellen, strecken, dehnen, warm laufen. Dann erklärt er die Taktik: Den Raum decken, den Gegner beschatten, laufen statt schießen. Spaß? Oder Erfolg.

"Schule muss Spaß machen?" Natürlich für die Kinder. Und die Lehrer? Sie werden zu seriösen Wissensarbeitern ausgebildet und sollen den billigen Clown spielen. Entertainement organisieren. Und gleichzeitig fürs wirkliche Leben lehren.

Sind die Spaßversprecher die Gefährlichen, weil sie unsere Kinder täuschen? Oder sind die Spaßverweigerer die Gefährlichen, weil sie die gleichen Kinder enttäuschen. Nur so eine von tausenden Fragen in meinem Berufsleben ...

Dazu ein Spruch aus dem Buddhismus (oder von J.M. Barrie):
"The secret of happiness is not in doing what one likes, but in liking one does."

Klostersprüche in Chiang Mai

Wir backen kleine Brötchen, in der Schule. Nicht wortwörtlich, das wäre ja sinnvoll.

"Warum seid ihr Lehrer so demotiviert, so frustriert?", fragt mich ein Interessierter.
"Wir backen Brötchen", antworte ich, "Brötchen, die keiner will."
Er versteht den Vergleich nicht sofort, also beginne ich meine Brötchen zu erklären.
"Ich backe täglich 30 Brötchen, bringe sie in die Klasse, aber 28 Brötchen bleiben übrig, sie sind altbacken, fad, schmecken nicht. Kommen nicht an."
"Dann solltest du was anderes backen!"
"Ich muss Brötchen backen, das ist mein Auftrag. Und ich bekomme dafür nur Wasser, Mehl ... und ein bisschen Salz."
"Wie meinst Du das?"
"Die Schule bringt die Grundnahrungsmittel, das Wichtigste, das Nötigste ... aber die Kinder wollen lieber Cremeschnitten, Hamburger und Cola haben."
"Und die kriegen sie auch!"
"Natürlich. Überall, nur nicht in der Schule. Wir wollen ja gesunde Nahrung ... und billige ..."
"Tja."
Da kommen keine Tipps mehr.

Jetzt sind alle unzufrieden und wir suchen die Schuldigen.
"Die Bäcker sind schuld, sie sind faul, dumm und sie backen öde Brötchen."


Gott sei Dank haben die Bäckereibesitzer tolle Lösungen gefunden:
1. Die Bäcker sollen länger backen, mehr Brötchen.
2. Die Bäcker sollen statt Brötchen A und Brötchen B Einheitsbrötchen AB backen.
3. Ganztagsbrötchen: Damit die Kinder nicht an die leckeren Sachen herankommen.

Das wird den SchülerInnen gut schmecken. Und die Bäcker motivieren. Oder?

Euro 8,40 für das Maß Bier, das ist keine Kleinigkeit. Aber jeder kennt den Preis für gute Laune. Selbst meine ostösterreichischen Schüler schielen neidisch auf die "boarische Wies'n, wo grad o'zapft is".

Ein Monat volles Besäufnis, das kommt echt cool. Alle Medien sind voll damit, wir feiern Kultur: Saufen bis zum Umfallen für alle Nationen. Gegen solche Vorbilder kann ich nicht anreden, da schaue ich wie ein verwelkter alter Spaßverderber aus. Genießen in Maßen? Nada, niente, nein.

Aber bitte keine Fotos. Keine Fotos von den kotzenden Alkoholleichen, von betrunkenen Radaubrüdern, von Busenblitzern.

Mir kommt das Kotzen: Man könnte für vernünftigen Konsum eintreten, man könnte die Testosteronbrocken um Ruhe bitten und die Damen ersuchen, ihre Körper bedeckt zu halten. Neeee, das würde das Mordsgeschäft ums kühle Blonde trüben, das will man sicher nicht. Sauft, rauft, provoziert - aber macht keine Fotos davon!

Natürlich zeigt die empörte Presse hingebungsvoll Titten in allen Größen.

Ihr verlogenen Heuchler verlangt von der Schule, dass wir eure Kinder zu ehrenwerten Mitgliedern einer humanen Gesellschaft erziehen? Gegen Gewalt, Drogen und Pornographie auftreten? Geht doch sch ...! (Damit wir uns richtig verstehen. Prost)

 

twoday.net AGB

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